Es suhlt sich, was ein Kerl sein will

Geschlecht Der ehemalige österreichische Politiker Matthias Strolz entdeckt seine Männlichkeit beim Rangeln. Wie visionär, wie fortschrittlich!
Konstantin Nowotny | Ausgabe 48/2019 2
Es suhlt sich, was ein Kerl sein will
„Sauber“ ist für die Zurschaustellung von Männlichkeit eher eine Empfehlung

Foto: Victor Moriyama/AFP/Getty Images

Jeder geht mit den Zumutungen der Welt auf seine Weise um. Für Männer hatte sich jahrhundertelang Kriege führen bewährt. Das kommt heute nicht mehr infrage. Nicht, dass sie nicht wollen würden, aber nicht jeder sitzt am Hebel, höchstens am Joystick. Sich gegenseitig auf die Schnauze hauen, wie in Fight Club oder bei den Fans von Hansa Rostock, scheint ein tauglicheres Ventil. Dem sehr modernen Mann ist aber auch diese Gewalt zuwider. Manche Fangruppierungen klagen über schwindende Prügelbereitschaft, und auf der Leinwand dominieren Into-the-Wild-Charaktere, die ihren Gegenspieler in der Natur oder in sich selbst suchen.

Aber die Natur antwortet nicht. Wie soll man so wissen, ob man ein richtiger Mann ist? Ein Kompromissmuss her: Rangeln! Die Klassenclowns vom Privatfernsehen, Joko und Klaas, brachten das Sandkastenkonzept in ihrem Circus HalliGalli 2013 auf die ganz große Bühne. Nun hat auch, na klar, ein Coach das Konzept für sich entdeckt. Matthias Strolz, ehemals Politiker bei den österreichischen neuliberalen NEOS, wollte eigentlich Bildungsminister werden. Dann wandelte er sich vom „Passagier fremder Erwartungen“ zum „Piloten seines Lebens“.

Am internationalen Männertag, dem 19. November, stürzte sich Pilot Strolz in der Fernsehreihe Strolz trifft kopfüber in das Geheimnis der Männlichkeit. Er lernt im Männercamp „Men in the Woods“ nicht nur etwas über Hodenübungen, sondern wälzte sich auch zu Trommelklängen mit mehr oder weniger fremden Männern im Dreck und verkaufte das den Zuschauern als fast epiphanische Erfahrung. Strolz interessierte auch, was den „modernen“ Mann so verunsichere. Ein Teilnehmer des Camps antwortet: die modernen Frauen mit ihrer zunehmenden Macht. Progressiv mögen Männer offenbar nicht, neue Umstände bereiten vielen Kopfschmerzen. Anstatt sich dem zu stellen, flüchten sie in die Ursprünglichkeit, zum Tanzen im Wald und zum kindlichen Raufen.

Davor steht die Fremdheitserfahrung. In der Familie, am Arbeitsplatz, bei Freunden, nirgends kann der Mann so sein, wie er ist, bis er seine tierische Seite ganz verleugnet. Damit das nicht passiert, bedarf es eines spirituellen Rahmens. Hier nun erlangen Männer die Einsicht, die ohne Trommelklänge zu schmerzhaft wäre: das Eingeständnis, ein schnöder Mensch mit ganz banalen Bedürfnissen zu sein, etwa dem nach Berührung, auch von anderen Männern. Vier Tage im Männercamp kosten knapp 500 Euro. Ein paar auf die Schnauze wäre umsonst gewesen.

06:00 09.12.2019

Ausgabe 14/2020

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