Gegen den Rest der Welt

Parbleu! Schock für die Medien: Deutschrapper sind keine Oberstudienräte
Gegen den Rest der Welt
Rapper Sido bei einem Konzert im Mai, bei dem das Publikum nur aus dem Auto heraus zuschauen durfte

Foto: Imago Images/Future Image

Xavier Naidoo hält die Erde für flach, das Coronavirus für erfunden und die Juden für schuldig. Sido findet, Xavier sei ein bisschen „zu tief drin“, habe aber womöglich nicht mit allem unrecht. Ja, sind die denn verrückt geworden, die Rapper? „Warum der Deutschrap so verstrahlt ist“, lautete der Titel eines Artikels, der vergangene Woche im Tagesspiegel erschien. Darin subsumierte der Autor alle Sprechsänger, die in jüngster Zeit durch das Verbreiten von Verschwörungsmythen auffielen, und beklagte, dass sie sich mit ihrer Reichweite nicht „weltlichen“ Problemen widmen.

Das ist nicht ganz fair. Zunächst: Xavier Naidoo in einer Reihe mit ernsthaften Rappern zu nennen, ist ein wenig blasphemisch. Auch sein Wahn ist von anderer Qualität. Dann: Es gibt sie, die Rapper, die sich – und das seit Jahrzehnten – mit wichtigen politischen Themen auseinandersetzen. Sie erzeugen nur keine Schlagzeilen, weil sie Rassismus und Polizeigewalt, Jugendkriminalität und Armut, kurz: das unerträgliche Alltägliche anprangern. Und das langweilt manche Medien.

Diese wiederum behandeln andere Rapper aufgrund ihrer immensen Popularität wie klassische deutsche Popstars, wie Sarah Connor oder Campino. Das verkennt die Natur des Genres, das sich als Gegenbewegung zur Mehrheitsgesellschaft begreift. Da, wo sich Oberbürgermeister, Innensenatoren und Spiegel TV empören, sieht sich der Gangster-Rapper oft als Gewinner. Oft. Nicht immer. Rapper Shindy zeigte sich beispielsweise an Ostern zusammen mit dem Bürgermeister von Bietigheim-Bissingen, rief zum Zuhausebleiben auf und meinte, „Coronapartys“ seien „richtig ekelhaft“. Andernorts gebärdet sich deutscher Gangster-Rap nicht wie ein etwas nassforscher Oberstudienrat, sondern klingt so: „Hab die Knarre unterm Kopfkissen, lass mal ein paar Cops ficken / Und die Leichenteile den Familien per Post schicken.“ (Bushido, 2013)

Meinen die das ernst?

Wenngleich nicht jede Gewaltfantasie im Rap eine konkrete Absichtserklärung ist, betont das Genre doch stets die absolute Wirkmacht des Individuums. Dieses Narrativ existierte schon beim jungen Sido, der 2004 „noch in ’nem Loch“ wohnte und mit Rap endlich im „Loft“ ankommen wollte. Es existiert bei Bushido (2003, Vom Bordstein bis zur Skyline), bei Kollegah in etwa jedem Track und natürlich bei Haftbefehl, Capital Bra und all den anderen. Ihre Botschaft lautet: Du kannst es schaffen, auch wenn alle gegen dich sind, wenn du diskriminiert und ausgegrenzt wirst. Eine schillernde Erzählung, die von den Gangster-Rappern der USA herrührt und allein deswegen zu respektieren ist, weil sie vielen Mut gemacht hat und nach wie vor macht. Aber auch eine Erzählung mit Schattenseiten. In dieser Welt sind Polizisten und Staatsanwälte, Ordnungsämter und Arbeitsagenturen, Lehrer und Eltern kleine Steine auf dem Weg zum Erfolg. Sie hat wenig Antworten auf große Schieflagen, außer dass hinter jeder schlimmen Sache ein schlimmer Mensch stehen muss.

Wann war Deutschrap also jemals nicht ein bisschen verstrahlt? Der Soziologe Martin Seeliger wurde kürzlich bei Radio eins zur erneuten Renaissance von Verschwörungsmythen im Rap gefragt. Er betonte, man könne nicht in die Köpfe der Rapper schauen und dürfe nicht vergessen, dass die Provokation zu ihrem Handwerk gehöre: „Meinen die das ernst? Das weiß man nicht. Aber es hat auf jeden Fall System.“ Vielleicht genügt diese Erkenntnis, um zu beurteilen, ob Rapper in Krisenzeiten gute Stichwortgeber sind.

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06:00 29.05.2020

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