Kirche, Osten, Frau

Angela Merkel Nach 16 Jahren wird die Kanzlerin mit einem großen Zapfenstreich verabschiedet. Für diesen Anlass hat sie eine Musikauswahl getroffen – und schickt damit eine Botschaft
Kirche, Osten, Frau
Ob Angela Merkel hier wohl heimlich Nina Hagen hört?

Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Mal ehrlich, glauben Sie, dass die Herrschenden in diesem Land sich die Songs für ihren Zapfenstreich selbst aussuchen? Zum Beispiel Gerhard Schröder, 2005: Zu seiner Auswahl zählten der Mackie-Messer-Song (kommunistischer Autor, aber in dem Lied merkt man es nicht – perfekt sozialdemokratisch), George Gershwins Summertime (eigentlich ein Schlaflied, macht aber Lust auf einen mediterranen Lebensabend) und natürlich Sinatras My Way (die Hymne für alle, die glauben, sie seien allein auf der Welt). Dass er die drei feixend selbst ausgesucht hat, bleibt vorstellbar.

Dass aber Angela Merkel mit der ihr innewohnenden Abneigung gegen Selbstdarstellung minutiös die heimische CD-Spindel durchwühlt, um drei zu ihrer Karriere möglichst passende Stücke zu finden, fällt schwer zu glauben. Die Außenwirkung, die Schlagzeilen, die Fettnäpfchen – besser, wenn das ein PR-Team kuratiert, oder? Aber wie sollen drei kurze Lieder ganze 16 Jahre Kanzlerinnenschaft repräsentieren?

Manchem war offenbar alles egal. Thomas de Mazière entschied sich unter anderem für Opus’ Live is Life – inhaltsbefreit, ziellos und trotzdem endlos lang und straff nach vorn taktierend, ganz wie man sich ein Amt im Verteidigungsministerium vorstellt. Ursula von der Leyen wählte die sichere Nummer für jeden Ausstand – Wind of Change von den Scorpions – und verzichtete so ebenfalls darauf, irgendeine vertonte Botschaft außer der offensichtlichsten (Dinge ändern sich) zu senden.

Joachim Gauck wollte schon eine etwas bedeutungsvollere Playlist und suchte nach seinen politischen Identitätsmerkmalen – die Kirche, der Osten, die Freiheit – in Liedform. Gespielt wurden 2017 das Kirchenlied Eine feste Burg ist unser Gott, der Hit der Ostrock-Band Karat Über sieben Brücken musst du gehen und das Volkslied Freiheit, die ich meine. Die Tagesschau bezeichnete das damals als „recht eigenwillig“. Nun ja.

Nun die Hot-Rotation von Angela Merkel: das Kirchenlied Großer Gott, wir loben dich, Nina Hagens Du hast den Farbfilm vergessen und Für mich soll’s rote Rosen regnen von Hildegard Knef. Gut, den Großen Gott hatte de Mazière auch schon, aber Gott vergelt’s, vor allem der Pfarrerstochter. Der Farbfilm markiert klar die DDR-Vergangenheit, hier erzählt Hagen witzig und vieldeutig von einer ostdeutschen Realität, der Besonderheit des Urlaubes, der Knappheit der Dinge und wie beide auf eine Beziehung einwirken können.

Bemerkenswert sind die Roten Rosen: Das Lied ist kein feministisches, aber doch war Hildegard Knef mit ihrer – für damalige Verhältnisse, 1968 – schamlosen Willensbekundung geradezu rebellisch weiblich. Eine treffende Wahl für Merkel, die Kanzlerin, die sich erst im letzten Jahr ihrer Amtszeit öffentlich als Feministin bezeichnete und sonst lieber den etwas in die Jahren gekommenen Begriff „Frauenpolitik“ für ihr Wirken, vor allem als ehemalige „Frauenministerin“, nutzte.

Wir werden diesen Donnerstag bei der förmlichen Verabschiedung Merkels also den Dreiklang „Kirche, Osten, Frau“ hören. Das ist naheliegend und nicht allzu „eigenwillig“, aber doch so viel feinsinniger, witziger und weniger melodramatisch als Gauck und seine mystischen Brücken. Sogar ein bisschen Stolz über das Geleistete lässt sich aus der Zusammenstellung herauslesen. Das PR-Team Merkels weiß, was es tut. Oder war sie’s doch selbst?

Wir werden es in naher Zukunft wohl nicht erfahren, denn was Angela Merkel gern für Musik hört, ist so eigenwillig wie naheliegend und trotzdem mysteriös. Der Mitherausgeber der FAZ, Berthold Kohler, wagte es einst, sie nach ihrer Lieblingsmusik zu fragen. Er bekam eine Antwort: „Beim Kochen und beim Küchenarbeitmachen und so weiter, da höre ich sehr gerne Radio.“

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