„In Bayern wurde ich zum Ossi gemacht“

Interview Johannes Nichelmann wollte wissen, wie stark sich die Nachwendekinder noch mit der DDR verbunden fühlen – und schrieb darüber
„In Bayern wurde ich zum Ossi gemacht“
Johannes Nichelmann ist Nachwendekind und kennt die DDR nur aus Erzählungen. Warum pochen er und andere so sehr auf ihre ostdeutsche Herkunft?

Foto: Paula Winkler für der Freitag

Wir sind beide Ende zwanzig, da duzt man sich fraglos. Auch unsere ostdeutsche Herkunft haben wir gemeinsam. Johannes Nichelmann hört man sie nicht an, dank seiner Ausbildung beim Radio spricht er makelloses Hochdeutsch. Früher habe er noch „ölf“ statt „elf“ gesagt, erzählt er bei unserem Treffen in einem Café in Berlin. Dieses unfreiwillige Ost-Outing wurde für ihn dann zum Problem, als er als Schüler in den Westen zog. Die Menschen, die er für sein Buch Nachwendekinder (Ullstein 2019) befragt hat, haben ganz ähnliche Erfahrungen gemacht.

der Freitag: Johannes, wir haben die DDR beide nicht mehr erlebt. Ich bin Jahrgang 1990, du 1989. Eigentlich sind wir die erste Nachkriegsgeneration, die sich gesamtdeutsch fühlen sollte. Wann fühlst du dich ostdeutsch?

Johannes Nichelmann: Immer wenn ich bei meinen Großeltern zu Hause bin, fühle ich mich ostdeutsch. Da ist es auf keinen Fall nostalgisch, aber natürlich gibt es dort viele Dinge, manche Worte und Gerüche, die klarmachen, dass ich aus einer ostdeutschen Familie komme.

In deinem Buch interviewst du „Nachwendekinder“, wie wir es sind. Viele von denen merken erst, wie sehr sie die ostdeutsche Identität angenommen haben, wenn sie mit Westdeutschen konfrontiert werden. Du kommst aus Berlin, deine Mutter zog mit dir nach Bayern, da warst du zwölf Jahre alt.

Sie zog nach der Wende um, weil ihre Stelle im Krankenhaus nach der Privatisierung plötzlich schlechter bezahlt war. In Bayern war ich in meiner Klasse dann der Quoten-Ossi, der für alles geradestehen musste, was jemals in Ostdeutschland passiert ist. Da habe ich mich auf einmal sehr ostdeutsch gefühlt. Das war vorher nie wirklich Thema. Zum Beispiel sollte ich vor die Tür, als die anderen beteten. Ich hatte gesagt, dass ich kein Christ bin und gefragt, warum ich so tun sollte.

Du schreibst: „Wenn in Ostdeutschland ein Problem aufritt, dann ist es ein Problem von Ostdeutschland. Wenn in Westdeutschland ein Problem aufritt, dann ist es ein Problem von Gesamtdeutschland.“

Zuletzt ging es mir noch so in einem Gespräch mit einem Kollegen aus dem Westen. Das war bei den Vorfällen in Chemnitz vergangenes Jahr. Da wurde ich gefragt, wie ich mich dazu verhalte. Ich dachte mir: Wie soll ich mich nun dazu verhalten? Es ist ja wohl klar, dass ich das nicht so gut finde. Und dann meinte er: Du musst dich dazu jetzt schon positionieren, so als Ostdeutscher.

In welchen Momenten konnte deine ostdeutsche Herkunft auch etwas Schönes sein?

Ich fand es nie schlimm, dass ich ostdeutsch bin. Ich fand es schlimm, dass man immer mit diesen Klischees konfrontiert wird, dass man nicht einfach Ostdeutscher sein kann, ohne den Leuten die DDR, den Sozialismus oder Rechtsradikalismus erklären zu müssen. So wie jetzt gerade wieder nach den Landtagswahlen.

Meine Kollegin Thembi Wolf hat mal geschrieben: „Die aggressive Ossi-Identität ist auch entstanden, weil Ostdeutschsein so lange verpönt war.“

Das war für mich auf jeden Fall so. Ich habe ja gerade mal gewusst, dass die DDR existiert hat und als Zwölfjähriger vielleicht die Rahmendaten gekannt. Aber in Bayern habe ich das natürlich aggressiv nach vorne getragen. Weil ich das nicht auf mir sitzen lassen wollte, dass ich offenbar aus einer Ecke komme, die ganz, ganz schlimm ist. Die Lehrer haben mir jeden Intellekt abgesprochen, weil wir aus Ostdeutschland kamen. Das konnte ich als pubertierender Jugendlicher nicht auf mir sitzen lassen.

Heimatgefühle aus Trotz?

Das Wort „Heimat“ ist da nicht der richtige Begriff. Es ist eine Selbstbehauptung. Das ist ja Teil der eigenen Biografie und der eigenen Identität. Das Problem ist nur, dass man sie nicht richtig greifen kann, weil keiner mit einem darüber spricht. Das Bild aus den Medien ist entweder das, ich würde es mal Guido-Knopp-Bild nennen, also: 40 Jahre Stasi-Knast und alles ist dramatisch. Versteh mich nicht falsch, diese Geschichten sind natürlich zu Recht erzählt worden. Und dann hast du so blumenhaft Anekdotisches aus der Familie. Dann gab es 2003 noch diese furchtbaren Ost-Shows die mich restlos verwirrt zurückgelassen haben, mit diesem ganzen Plaste- und Trabbi-Kitsch. Ich musste aber schnell eine Antwort finden, wenn ich in der Schule gefragt wurde, ob alles schwarz-weiß war oder ob man auf der Straße erschossen wurde, wenn man gerannt ist.

Warum sammelst du erst jetzt, mit 30, diese Geschichten von Nachwendekindern?

Ich habe meinen Vater auch schon mit 17 nach dem Alltag in der DDR gefragt. Aber die Antwort war immer: „Da rede ich nicht drüber, das geht dich nichts an.“ Und dann fragt man als 20-Jähriger auch nicht mehr nach. Jetzt habe ich ein Berufsleben, das Studium ist beendet, der ganze Erwachsenwerden-Quatsch ist vorbei und jetzt ist eben das dran. Ich glaube, das ist ganz normal, dass man sich mit Ende 20, Anfang 30 dafür interessiert. Ich meine, dass es auch anderen Generationen so ging. Ich habe mich ja auch mit Roland Jahn (Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde, Anmerkung des Autors) für das Buch getroffen. Und der sagte, auch er sei erst, als seine Mutter 70, 80 und er schon lange erwachsen mit eigenen Kinder war, auf die Idee gekommen, zu fragen, wie es so war im Dritten Reich.

Das Thema Stasi nimmt im Buch einen seltsam großen Raum ein. Eine junge Frau verwendet in Bezug auf ihren Großvater das Wort „Täterbiografie“. Das kommt aus der NS-Forschung. Das sind doch qualitative Unterschiede. Bei den Konflikten in der DDR mag es Opfer und Täter gegeben haben, aber man kann es nicht auf eine Stufe stellen. Warum ist es dann für viele so schwer, darüber zu sprechen?

Auf der einen Seite gibt es Leute, die Angst davor haben, zu sagen: „Ich war weder bei der Stasi, noch bin ich verfolgt worden, ich hatte einfach ein gutes Leben. Ich bin zur Schule gegangen, hatte meine Freunde, hab meine Ausbildung gemacht, hab mich mit allem arrangiert. Es war blöd, dass man mal anstehen musste, aber im Grunde war es okay.“

Normalität.

Andere wissen nicht, ob sie jetzt zugeben dürfen, dass sie in der Partei waren oder an der Grenze standen. Ich glaube, es hat nie wirklich einen Raum gegeben in der Gesellschaft, in dem diese Menschen sich über diese Fragen austauschen oder sich erklären, klarwerden konnten. Ich habe bei meinen Interviews gemerkt, dass sich einige immer noch fürchten, verfemt zu werden, wenn sie offen zu ihrem Leben stehen.

Gibt’s da ein Beispiel?

Meine Mutter hatte einen Geschäftspartner im Westen, der meinte: „Wenn Sie studiert haben, muss Ihr Vater bei der Stasi gewesen sein.“ War er aber nicht, nicht einmal in der Partei. Das sind so viele kleine Hiebe, die langfristig wirken. Und irgendwann redet man lieber nicht mehr drüber.

Migranten und Ostdeutsche – Bürger zweiter Klasse

Dass eine Generation sich eine Vergangenheit erarbeitet, die nicht die eigene ist, kommt nicht nur bei Nachwendekindern vor.

Johannes Nichelmann zitiert in seinem Buch unter anderem die Kabarettistin Idil Baydar, die mit seinen Nachforschungen auf den ersten Blick wenig zu tun, aber ähnliche Erfahrungen wie viele Ostkinder gemacht hat. Baydar ist in Celle geboren, wurde aber aufgrund ihres „türkischen Aussehens“ lang mit Stigmas und Klischees konfrontiert. Auch sie entschied sich, als Antwort darauf, die von außen zugeschriebene Identität zu verinnerlichen und ostentativ nach vorn zu tragen. Sie erschuf die Kunstfigur Jilet Ayşe – ein „Abziehbild der prolligen Migrantin aus der Großstadt“ – und veröffentlichte unter diesem Namen sarkastische Youtube-Videos über jene Klischees, denen sich Deutschtürken ausgesetzt fühlen.

Viel diskutiert wurde in diesem Jahr eine Studie der Migrationsforscherin Naika Foroutan, die die Erfahrungen der Ostdeutschen mit denen von Migranten vergleicht. Beide hätten es schwerer auf dem Arbeitsmarkt. Etwa ein Drittel der Ostdeutschen sowie ein Drittel der Muslime, die in der Studie untersucht wurden, gaben an, sich als „Bürger zweiter Klasse“ zu fühlen. Bemerkenswert ist auch der Zeitpunkt der Studie. „Komisch, dass so eine vergleichende Studie erst jetzt gemacht wird“, sagte Foroutan in einem Interview. Das Schweigen der Marginalisierten, wie es bei Nichelmann thematisiert wird, ist vielleicht eher ein Mangel an Zuhören.

Haben wir Nachwendekinder manchmal Angst, in Gesprächen etwas rauszufinden, was wir lieber nicht wissen möchten?

Das mag sein, aber ich glaube nicht, dass das einen daran hindern sollte, das Gespräch zu suchen. Es gab zum Schluss etwa 90.000 Hauptangestellte beim MfS und Hunderttausende IMs – kann schon sein, dass da was schlummert. Ich habe zu dem Buch viele Zuschriften bekommen, bevor es überhaupt draußen war. Von Menschen, die genau das beschrieben haben: dass sie ganz leicht an der Oberfläche gekratzt haben, und plötzlich hing der Haussegen schief, weil rauskam, dass die halbe Familie in leitender Funktion beim MfS war.

Es gab doch aber sehr differenzierte „Stasi-Karrieren“. Leute, die ein halbes Leben lang als IM geführt wurden und immer sagten: „Ich weiß von nichts.“ Und trotzdem wurden dann minutiös Akten über sie angefertigt.

Das stimmt, ja.

Es gibt auch Stimmen, die das Positive hervorheben wollen. Dagmar Enkelmann, Vorsitzende der Rosa-Luxemburg-Stiftung, hat ein Buch über DDR-Frauen herausgegeben. Im Interview sagte sie mir, die Frauen seien oft emanzipierter gewesen, was Lohngleichheit oder die Verteilung der Berufe angeht.

Genau, die mussten nur eben 40 Stunden im Betrieb arbeiten und dann zu Hause noch den Haushalt schmeißen, weil die Herren da nämlich keine Lust drauf hatten.

Wie war das bei deiner Familie?

Als meine Oma meine Mutter zur Kita brachte, kam sie wegen der Busverbindung und der Öffnungszeit fünf Minuten zu spät zur Arbeit. Ihr Chef hat jeden Abend bis fünf nach sechs gewartet, dass sie die auch nacharbeitet, bis der Mann selbst ein Kind bekam und seine Frau in derselben Situation war. Das hätte aber auch in Hagen oder Kiel passiert sein können, ist vielleicht etwas Gesamtdeutsches.

Ein Interviewpartner in deinem Buch zog aus Sachsen-Anhalt in den Westen und kehrte später nach Leipzig zurück. Er stellte fest: Das ist hier eine Komfortzone. Das kann ich gut nachvollziehen. Man zieht weg und denkt sich: Hier hält mich nichts. Dann spürt man, im Osten ist es nicht besser, aber da muss man sich eben weniger anpassen, weniger verstellen, weniger verfremden.

Wie Beatrice, die nach Frankfurt (Main) gegangen ist und den ganzen Tag vorgeführt wurde. „Hier, das ist der Paul, ein neue Kollege, der kommt auch aus’m Osten.“

„Unterhaltet euch mal.“

Genau.

Werden wir bald lauter Rückkehrer haben? Menschen in unserem Alter, die weggegangen sind und dann feststellen: Das ist es mir nicht wert. Dann lieber wieder Leipzig, Jena oder Halle?

Ich bin gespannt, ob sich daraus ein Trend entwickelt. Aber ich kann das Gefühl auf jeden Fall nachvollziehen. Ich bin mit 17 von Bayern nach Berlin zurückgezogen in meine erste eigene Wohnung, weil ich das nicht mehr ausgehalten habe. Das war dann Westberlin, da spielte aber auch Ostdeutschsein keine Rolle.

Hast du da schon so perfektes Hochdeutsch gesprochen?

Ich habe höchstens berlinert, da kann man schlecht zuordnen, ob das Ost oder West ist. In Bayern haben mich die Mitschüler gefragt, warum ich kein „Ossisch“ spreche. Damit meinten sie Sächsisch.

Wenn ich früher von der Schule nach Hause kam und gesächselt habe, sagte meine Mutter: „Sprich so nicht, da hält man dich für dumm.“

Hast du sie mal darauf angesprochen?

Ja, mehrmals. Sie war Lehrerin, es ging ihr weniger darum, dass man hören könnte, woher ich komme, sondern sie fürchtete, dass starker Dialekt generell mit Unterschicht verbunden wird.

Das ist interessant.

Mir fällt das oft ein, wenn ich über mich nachdenke. Werden wir Nachwendekinder unseren eigenen Kindern noch irgendwelche Identitätsgefühle übertragen?

Das habe ich mich auch gefragt. Ich mutmaße, dass es für diese nächste Generation kein so großes Ding sein wird, dass wir vielleicht die Letzten sind, die das mit sich ausmachen müssen. Aber lass uns darüber noch mal in 25 Jahren sprechen.

06:00 30.09.2019
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