Jugend ohne Staat für den Liberalismus

Bundestagswahl Die FDP zählt zu den beliebtesten Parteien bei Erstwählerinnen und Erstwählern. Verwunderlich ist daran nichts
Jugend ohne Staat für den Liberalismus
Wer diesen Wahlkampf mit offenen Augen begleitet hat, dem ist die Begeisterung vieler junger Menschen für die FDP nicht entgangen

Foto: Lindenthaler/IMAGO

Zwei Tage vor der Wahl veröffentlichte die Band Tocotronic den Song Jugend ohne Gott gegen Faschismus, eine süße Verbeugung vor jungen Menschen, die ziellos, aber antifaschistisch durchs Leben taumeln.

Zwei Tage nach der Wahl ist klar: Die Jugend, die Tocotronic da besingen, ist eine Rarität geworden. „Jugend ohne Gott für den Liberalismus“, twitterte Maurice Summen, Chef des Labels Staatsakt, am Montag. Worauf er anspielt: In dieser Bundestagswahl ist die FDP die beliebteste Partei der Erstwählerkohorte. 23 Prozent haben die Liberalen gewählt, knapp dahinter liegen die Grünen mit 22 Prozent. Die letzten Plätze belegen AfD und Linkspartei.

Jubelschreie im Axel-Springer-Verlag: Welt-Chef Poschardt setzte pflichtbewusst und erwartungsgemäß zur Verklärung an und verkündete halbfaktisch: „Grüne Propaganda lässt unangepasste Jugend unbeeindruckt“. Woanders traute man sich an die Wahrheit heran: Yasmine M‘Barek glättete die Erregung bei Zeit Online mit Fakten und verwies darauf, dass die Liberalen bei jüngeren Menschen nicht erst seit diesem Jahr beliebt sind. Überraschung darüber sei vor allem entlarvend: „Offenbar kommen liberale und konservative junge Menschen in den öffentlichen Debatten wenig zu Wort – oder sie werden nicht gehört.“ Der Reporter Bent Freiwald sprach – kaum zu glauben, aber das geht – mit echten Jugendlichen. Er ermittelte unter anderem Folgendes: Die Kids legten viel Wert auf Eigenverantwortung, betrachteten Digitalisierung nicht als Nebenthema und hätten sich in der Coronakrise im Stich gelassen gefühlt. Komisch. Da isoliert man sie monatelang, scheucht sie aus den Parks, bietet ihnen keinerlei Kompensation für ihren zerfransten Bildungsweg an – und dann trauen die Jugendlichen dem Staat nicht mehr über den Weg? Ein Mysterium.

Aber langsam: Die „Jugend ohne Gott für den Liberalismus“ ist in erster Linie ein Phantasma, denn ein Viertel der Erstwählerstimmen ist eben nur ein Viertel. Aber auch dieses Viertel verhält sich alles andere als unerklärlich. In der wichtigsten Jugendkultur Deutschrap sind neoliberale Erzählungen omnipräsent: harte Arbeit, die sich (irgendwann, vermutlich) lohnt, der Staat und der Rest der Welt als Feind, gegen den man sich durchsetzen muss. Auch die Social-Media-Welt – insbesondere auf den bei Jüngeren sehr beliebten Plattformen Instagram und Tiktok – strotzt vor Fitness und Selbstoptimierung, ganz im Sinne des Werbemarktes, der diese Welt finanziert. Die Freitag-Autoren Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt haben das kürzlich in ihrem Buch Influencer trefflich dargelegt.

Nachdenken ließe sich auch über die Art und Weise, wie das Beschwören von Leistung und Durchsetzungsvermögen in den Schulen ein Bewusstsein prägt. Was macht es mit jungen Menschen, wenn sie Tag für Tag in einer Gesellschaft aufwachen, die auf gnadenlosen Wettbewerb ausgerichtet ist? Und was genau sollen sie dann halten von einer Realität, in der ein unbefristeter Job nach 18 Jahren Bildungsweg genauso utopisch ist, wie in der Regionalbahn zwischen Leipzig und Chemnitz ein Youtube-Video zu schauen?

Wo es nicht einmal Minimalanforderungen geschenkt gibt, gedeiht die Selbstgerechtigkeit und schwindet die Bereitschaft zur Solidarität. Das ist zu verstehen. Man muss es aber auch verstehen wollen. Wer „die Jugend“ mysteriös findet, beweist damit in aller Regel nur, dass er mit ihr nichts zu tun hat.

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06:00 29.09.2021

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