Kann man das noch hören? Falsche Frage!

Marilyn Manson Ähnlich wie in der Filmindustrie werden im Musikbusiness immer mehr Fälle sexuellen Missbrauchs bekannt. Sich dann nur mit seinem Konsum zu beschäftigen, bringt wenig
Ausgabe 08/2021
Die Täter benennen ist wichtig, aber auch das strukturelle Problem muss kommuniziert werden: Ausschnitt aus einer Performance von feministischen Aktivistinnen in Chile, die auf patriarchale Gewalt aufmerksam machen soll
Die Täter benennen ist wichtig, aber auch das strukturelle Problem muss kommuniziert werden: Ausschnitt aus einer Performance von feministischen Aktivistinnen in Chile, die auf patriarchale Gewalt aufmerksam machen soll

Foto: Louisa Gouilamaki/AFP/Getty Images

Wenig ist bezeichnender für die Gegenwart als der Fakt, dass Menschen sich häufig vom Erwartbaren überraschen lassen. Wen wundert es tatsächlich, dass ein Immobilienmogul im Weißen Haus Politik macht wie ein ebensolcher? Wer hätte ernsthaft bezweifelt, dass CDU und AfD eines Tages in so manchem Landtag mehr Einendes als Trennendes finden? Und wen schockiert es, dass ein männlicher Starkult emotionalen und sexuellen Machtmissbrauch zur Folge haben kann?

Alle paar Monate wird in der Popmusik ein neuer Skandal aufgedeckt, jüngst um den Musiker Brian Warner alias Marilyn Manson. Mehrere Frauen werfen ihm sexuelle Gewalt und Missbrauch vor, ein Ermittlungsverfahren läuft seit dem 19. Februar. Die Liste der Musiker, bei denen ähnliche Fälle verhandelt wurden und werden, ist lang und wird immer länger. Am bekanntesten dürften die Vorwürfe gegenüber Robert Sylvester alias R. Kelly sein. Dem aktuell in Untersuchungshaft sitzenden Rapper wird unter anderem sexueller Missbrauch von Minderjährigen vorgeworfen.

Manchmal sind es „nur“ Vorwürfe, die im Raum stehen, oft wird noch verhandelt, in anderen Fällen kam es bereits zu Inhaftierungen, wie etwa beim Sänger der amerikanischen Rockband Lostprophets, die es auch in Deutschland kurzzeitig zu beachtlicher Bekanntheit schaffte. Ian Watkins sitzt seit Jahren wegen Sexualstraftaten im Gefängnis, die so schaurig sind, dass die Recherche den Leserinnen und Lesern überlassen bleibt. Auch gegenüber deutschen Musikern kam es zu Vorwürfen. Erwähnt sei hier nur der Fall des Rappers Gzuz (der Freitag 29/2019), gegen den im Jahr 2018 ein Strafbefehl wegen sexueller Belästigung erging.

Die #MeToo-Bewegung hat es geschafft, einer Reihe von Fällen in der US-amerikanischen Filmindustrie eine strukturelle Gestalt und ein Schlagwort zu geben. Dadurch erst wurde das Sprechen über Machtdynamiken innerhalb der Industrie möglich, die zuvor individualisiert waren. In der Musikindustrie ist man so weit noch nicht. Fälle wie der von Warner/Manson werden häufig auf höchst individueller Ebene diskutiert. Die Autorin Sibel Schick schrieb im Neuen Deutschland etwa: „Im Schatten der aktuellen Vorwürfe schäme ich mich und bin ratlos, was ich mit dem Teil meiner Vergangenheit machen soll. Und vor allem mit meiner Tätowierung.“ Sie plädiert weiterhin für eine Kollektivbestrafung seitens der Fans durch Nichtkonsum und Distanzierung. Das verkennt, dass die Taten bereits geschehen sind und ein Nichthören der Künstler sie nie ungeschehen macht. Möchte man aber in Zukunft verhindern, dass zumeist männliche Akteure der Musikindustrie, vom Popstar bis zum Produzenten, ihre Anziehungskraft und ihr Geld dazu verwenden, (minderjährige) Fans zu manipulieren und zu missbrauchen, muss mehr passieren.

Die britische Feministin Laurie Penny schrieb einst im Freitag (8/2020): „Wo Privilegsysteme robust sind, sind Korruption, Missbrauch und sexuelle Gewalt keine Entgleisungen. Es sind Verstärker. Trump und Weinstein verstanden sich als unantastbar und wurden so behandelt.“ Der Erfolg von #MeToo ist auch präventiv. Männer in Machtpositionen können sich nicht mehr sicher sein, dass ihre Untaten unbekannt, unbenannt und unbestraft bleiben. Das ist kein Klima der Angst, sondern ein Klima der Aufklärung.

Wer auf dergleichen in der Musikindustrie hinweisen will, hat es schon schwerer, auch weil die „Einzelfälle“ noch immer ungeordnet vorliegen. Die englischsprachige Wikipedia verfügt über einen Listeneintrag aller sexuellen Missbrauchsfälle und -vorwürfe in der US-Filmindustrie. Sie zeigt ein Ausmaß, eine Struktur – und hilft beim Recherchieren, Zitieren, Vergleichen. Ein Anfang. Es braucht weitere.

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