Kein schöner Land

Clausnitz Nachdem die erste Empörungswelle abgeflaut ist, bleibt die Frage: Warum häufen sich rechte Ausschreitungen gerade in der ostdeutschen Provinz? Ein Erklärungsversuch
Kein schöner Land
Jedem seinen eigenen Chauvinismus
Bild: Imago/Paul Sander

"Ein Kommentar zur 'Schande von Clausnitz' – aus der Sicht eines Clausnitzers" heißt ein Beitrag, für den sich ein anonymer Autor aus dem Umfeld des sächsischen Dorfes extra einen Blog eingerichtet hat. Offenbar handelt es sich um Mirko Lieber, der wenige Tage später auf Spiegel Online einen ähnlich lautenden Artikel veröffentlicht hat. Dunkeldeutschland, Schandfleck – das sei nicht Clausnitz und auch nicht Sachsen, so der Autor. Er kenne mehr wunderbare Menschen in Clausnitz als solche, die man hinsichtlich einer braunen Gesinnung verurteilen wollen würde. Er betont aber auch, dass es in der Gegend ein Problem gebe, weil ein Großteil der Menschen bei fremdenfeindlichen Parolen lieber wegschaue.

In dem Text steckt viel Wahrheit, die die Divergenz zwischen ostdeutscher Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung durch Politik und Medien zu erklären vermag.

Seit Jahrzehnten trifft die Landflucht den Osten besonders hart. Nur fünf Prozent der deutschen Bevölkerung leben in Sachsen. Nach der Wende erschien alles attraktiver, als auf dem Land zu bleiben. Und der Zuzug in die Großstädte hält weiter an. Leipzig ist sogar so cool, dass schon die Berliner dort hinziehen.

Der alteingesessene Dorfbewohner denkt dagegen nicht darüber nach, in die Stadt auszuwandern. Die Älteren bleiben auf dem Land, schauen ihrer Heimat und sich gegenseitig beim Sterben zu. Es gibt kaum Jobs und wenig Unterhaltung. Beschäftigt wird sich im Ortsverein, im Jugendclub, auf dem Fußballfeld oder in der Kirche. Sonst bleibt man einfach viel zu Hause.

Routine ist der Motor des Landlebens. Alles, was aus dem Raster des Vertrauten fällt, ist potentiell gefährlich und muss kritisch bis abweisend begutachtet werden. Wer fehlt beim Vereinsfest? Wer trinkt zuviel? Wer hat Streit mit dem Partner und warum? Auch der anonyme Clausnitzer Blogger erzählt, dass die Gerüchteküche noch wie vor 100 Jahren maßgeblich zur provinziellen Unterhaltung beitrage – und dass das einen amüsieren könne.

Allerdings nur, wenn man selbst nicht drinsteckt. Nachdem sie Jahrzehnte in der Großstadt gelebt hat, fuhr meine Mutter noch zu Beerdigungen in die Heimat – nicht selten von Menschen, die sie kaum kannte. Es war trotzdem wichtig: "Wenn die sehen, wer da fehlt, dann wird schlecht geredet."

Jedem seinen eigenen Chauvinismus

Das alles ist eine Routine, die sich selbst erhält. Sie mag für den Städter abschreckend wirken, aber sie macht die Menschen auf dem Land genau so glücklich oder unglücklich wie die Menschen in der Stadt. Wer dem Tratsch auf dem Dorffest aufmerksam zuhört, der bekommt den Eindruck, dort würden gescheiterte Partnerschaften, Familienzwist und Alkoholismus kumulieren. Aber diese Dinge passieren in der Metropole genauso häufig, wenn nicht sogar häufiger. Dort interessiert sich nur keiner dafür. Es sind zwei Lebensstile, jeder mit seinem eigenen Chauvinismus gegenüber dem anderen. Aber keiner ist wirklich besser.

In der Stadt begegnet man den meisten Veränderungen mit Schulterzucken: wieder eine Baustelle, wieder ein neuer Laden, wieder ein Rettungswagen. Auf dem Land wird jede Änderung seismografisch registriert. Wenn im Supermarkt die Lieblingsbutter aus dem Sortiment gestrichen wird, ist das für die Rentner eine Zumutung. Wenn jemand hinzuzieht, wird er zunächst kritisch betrachtet. Die einzig legitime Form des Neuzugangs ist das Kinderkriegen. In so einem Umfeld trifft ein Bus mit Neuankömmlingen ein, die in der Nachbarschaft einquartiert werden sollen – und zwar natürlich "von oben". Und genau hier setzt ein sehr ostdeutsches Problem an.

"Die da oben" ist kein einfältiges Stammtischnarrativ einiger weniger, es ist common sense. Viele Ostdeutsche fühlen sich abgehängt und von oben herab regiert. Aus den Erfahrungen ihrer DDR-Vergangenheit haben sie ein tiefes Misstrauen gegenüber dem politischen System verinnerlicht. Dieses Misstrauen haben sie auf die parlamentarische Demokratie übertragen, der sie oft nur symbolischen Charakter zumessen, und in der der „kleine Mann“ nichts zu melden habe.

Aber sie haben auch gelernt, dass man etwas tun kann. „Wir sind das Volk“ ist das Substrat dieses Denkens. Während 1989 die Betonung auf dem partizipativen "Wir" lag – das Wir, das mitmachen, mitsprechen wollte –, wird im Februar 2016 das "Volk" betont. Als eine völkisch aufgeladene Abgrenzung gegenüber allem, was als fremd wahrgenommen wird. Es ist ein gelerntes Verhalten gemischt mit Abweisung, Hilflosigkeit und Überforderung angesichts der unübersichtlichen Weltenlage, kanalisiert durch Stimmungsmacher wie jenen der AfD.

Auf dem Land entwickelt dies eine eigene Dynamik. Wenn sich in der Stadt etwas ändert, wozu niemand befragt wurde, wird das oft mit Schulterzucken quittiert. Auf dem ostdeutschen Land ist das anders. Eine Veränderung wird schnell als Angriff von außen wahrgenommen. So lang alles so bleibt, wie es ist, herrscht hingegen friedliche Gleichgültigkeit gegenüber dem Rest der Welt.

Damit nichts zu tun haben wollen

Mirko Lieber beschreibt das sehr zutreffend: "Der große Teil unserer Gesellschaft sind Personen, die damit nichts zu tun haben und auch nichts damit zu tun haben wollen." Während dem Westen nach dem Krieg die politische Mitbestimmung Stück für Stück wieder anerzogen wurde, wurde sie im Osten Stück für Stück eliminiert. Die Situation kurz vor der Wende war eine, in der niemand mehr einer staatlichen Institution geschweige denn den Medien getraut hat – und in der so ziemlich alles „von oben“ bestimmt wurde. Dieses Gefühl ist noch heute im Osten stark ausgeprägt. Längst hat sich die Mehrzahl der Menschen ins Private zurückgezogen. Die fünf neuen Bundesländer markieren das untere Ende der Wahlbeteiligungstabelle. Der Anteil der Stimmberechtigten, die gewählt haben, lag bei den Kommunalwahlen in Sachsen 2014 unter 50 Prozent.

In der Regel macht sich das stille Brodeln über die fehlende Mitsprache kaum bemerkbar, solange es nur nach Feierabend auf dem Fernseher flimmert. Die meisten Menschen auf dem Land haben mit der Politik abgeschlossen. Sie wollen damit nichts zu tun haben. Wenn auf dem Dorffest jemand "Sieg Heil!" ruft – und das passiert jeden Tag auf irgendeinem Dorf –, dann hält man sich raus. "Nützt ja alles nischt", sagt der Sachse dann. Bomben in Syrien? Teurer Hauptstadtflughafen? Der Lokalverein ist abgestiegen? Nützt ja alles nischt.

"Die da oben machen sowieso, was sie wollen." Das ist ostdeutscher Dorfspirit in Reinkultur – und das nicht erst seit gestern. Ein in Jahrzehnten erworbenes Misstrauen gegenüber dem politischen System und provinzielle Sozialdynamik ergeben einen gefährlichen Cocktail, der in diesen unruhigen Zeiten allzu schnell explosiv wird.

Der Autor ist in Sachsen geboren und aufgewachsen

17:38 25.02.2016

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