Klingelingeling

Pop Produkte pflastern den Weg zum fünften Album von Damon Albarns All-Star-Team Gorillaz. Großartige Songs wie „Hallelujah Money“ schwächt das empfindlich

Noch vor nicht allzu langer Zeit gab es mal etwas, das hieß Musikfernsehen. Die Mittelälteren erinnern sich: Da lief den ganzen Tag Pop mit Bewegtbild – zumindest für eine Weile. Dann kam sehr viel grausame Werbung für polyfone Klingeltöne und schlechte Reality-Shows hinzu. 2011 verabschiedete sich der wichtigste Musiksender aus dem frei empfangbaren TV gerade noch rechtzeitig, bevor die Bezeichnung hinfällig wurde – und beendete damit eine Ära.

Doch selbst als Musikfernsehen noch seines Namens würdig war, gefiel es nicht jedem: „Wenn du zu lange MTV schaust, ist das die Hölle – da ist nichts mit Substanz“, sagte der Comiczeichner Jamie Hewlett einst in einem Interview. Als Weg aus der Substanzlosigkeit tat er sich mit Damon Albarn, Kopf der Britpop-Gruppe Blur, zusammen, und beide verschmolzen zu einer ungewöhnlichen Synthese: eine Band, die aus Comicfiguren besteht, Cartoons zur Musik dreht und keine feste Besetzung hat. Gorillaz hieß diese Band. Das war 1998.

Vier Alben und unzählige Platinschallplatten sowie etliche Musikpreise später erscheint nun das fünfte Album, Humanz. Lange stand es in den Sternen. Wie es bei Britpop-Künstlern gute Sitte ist, gab es zwischen Albarn und Hewlett Streit. Doch die nunmehr Endvierziger vertrugen sich wieder und nach sieben Jahren erscheint das neue Werk. Und es ist groß, sehr groß.

Wie immer ist das Album eine virtuose Collage unterschiedlicher Musikstile, sehr frei oszillierend zwischen Pop, Rhythm and Blues und Hip-Hop und bis zum Bersten gefüllt mit Gästen aus aller Welt – von Albarns Ex-Erzfeind Noel Gallagher über das Hip-Hop-Trio De La Soul bis zu Soulsängerin Mavis Staples. Vermarktet wird es mindestens ebenso aufgeblasen, wie sich diese Liste liest. Kaum ein Schritt wurde in der Promotion getan, der nicht zwanghaft an ein Produkt gekoppelt ist.

Im Live-Chat des Senders Radio 1 der BBC zum Beispiel saßen zwei der vier Comic-Charaktere „virtuell“ mit einem Moderator auf der Couch, damit danach ein Telekommunikationsanbieter seine neue Augmented-Reality-App bewerben konnte. An anderer Stelle verkündete ein Rennwagenhersteller , dass eine Figur der Band künftig als seine „globale Botschafterin“, also sein Marketingmaskottchen, agiere. Wer die dafür aufwendig produzierten Spots sieht, kann das Sponsorengeld dahinter fast riechen. Manchmal glaubt man sogar, im Hintergrund leise ein paar Kassen klingeln zu hören.

Halsbrecherische Kapriolen

Auch die in New York, Berlin und Amsterdam eröffneten Spirit Houses – eigens für die Album-Promotion in Gorillaz-Ästhetik eingerichtete „Geisterhäuser“ – entpuppen sich für die wartenden Fans als gnadenloses Corporate Marketing. In Williamsburg, New Yorks Prenzlberg, bilden sich vor der Installation lange Schlangen. Eine Exklusivhörprobe vom neuen Album in authentischer Atmosphäre wird den Fans versprochen. Schaurig ist die Vorführung tatsächlich, allerdings wegen der aggressiven Produktplatzierung eines Lautsprecherherstellers, der die gesamte Innenbeschallung übernimmt und schamlos ein Promoteam bereitstellt, das den Besuchern Rede und Antwort steht – nicht etwa zum Album oder zur Band, sondern zu den Boxen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Marketingmaschine für das Projekt Gorillaz derartig überhitzt. Da die Künstler ihre Gesichter nicht selbst hinhalten müssen, sondern ihre Comiccharaktere vorschieben können, scheint die Hemmschwelle deutlich niedriger zu liegen. 2013 sagte Albarn in einem Interview, es sei „ziemlich kompliziert und teuer“, ein Gorillaz-Album zu produzieren. Sicher, mehr als ein Dutzend hochkarätiger Gastkünstler sowie ein ganzer Bus voller Produzenten und Songwriter wollen bezahlt werden, aber vielleicht fiele so mancher aufwendige Arbeitsschritt weg, müssten dazu nicht noch Lautsprecher und Sportwagen verkauft werden. Ging es bei den Gorillaz nicht darum, „Substanz“ zurück in die Vorhölle der Musikindustrie zu bringen?

Einer der Tracks auf dem Album heißt Hallelujah Money. Obwohl Albarn versprach, jede politische Referenz seiner Gastkünstler zu streichen, ist sie hier eindeutig: Von „Vogelscheuchen aus Fernost“, die „zarte Früchte“ essen wollen, dichtet Gastsänger Benjamin Clementine hier wunderschön. „Und ich dachte, die beste Art, unseren Baum zu vervollkommnen, ist, Mauern zu bauen.“ Eine hämische Ode an das Geld, ein zynischer Seitenhieb an den Immobilienunternehmer im Weißen Haus – ist das im Hinblick auf die halsbrecherischen Marketingkapriolen für das Album noch glaubwürdig?

Umso ärgerlicher ist das, da Humanz ein grandioses Album ist. Wie die meisten seiner Vorgänger wird es mit großer Sicherheit Preise abräumen und hohe Chartplatzierungen erreichen – zu Recht. Wo Gorillaz draufsteht, war noch nie schlechte Musik drin. Mit dieser Verkaufe blüht der Band aber womöglich das gleiche Schicksal wie einst dem Musikfernsehen, das Albarn schon vor dessen Dekadenz verachtete: Die totale Ablenkung von der Musik, das Ersaufen von originellem Pop zwischen nerviger Werbung. Irgendwie sind die meisten Apps ja auch nur bessere Klingeltöne.

Info

Humanz Gorillaz Parlophone/Warner

06:00 10.05.2017

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