Komm, wir gehen in den Amazon-Festsaal Kreuzberg

Kolumne Lanxess, SAP, Mercedes Benz, Quarterback – na, klingt das auch wie Musik in Ihren Ohren? Unser Kolumnist Konstantin Nowotny ärgert sich über Konzerthallen, die nach Unternehmen benannt sind – und fragt sich, wohin das noch führt
Ausgabe 11/2023
Mercedes lässt die Bässe röhren
Mercedes lässt die Bässe röhren

Foto: Imago/Joko

Lanxess, SAP, Mercedes Benz, Quarterback – na, klingelt da was? Nein? Gut, noch ein paar Tipps: Spezialchemie, Software, Autos, Immobilien. Wie, diese Dinge klingen nicht wie Musik in Ihren Ohren? Sollten sie aber, denn: Bei all den genannten Unternehmen handelt es sich um Marken, die einigen der größten Veranstaltungshallen für Konzerte in Deutschland ihren Namen leihen.

Wer aus Köln, Mannheim, Berlin oder Leipzig kommt, kennt sie vermutlich, denn teils heißen die genannten Arenen schon so lange wie ihr Namenssponsor, dass der von den Unternehmen gewünschte Effekt längst eingetreten ist: Name und Ort sind untrennbar miteinander verbunden. Was die Quarterback AG in Leipzig abseits vom Arena-Sponsoring eigentlich für ein Laden ist, das dürften die wenigsten wissen, trotzdem geistert der Name pausenlos durch die Stadt, auf Plakaten oder den tausendfach verkauften Tickets für große Namen wie Pink Floyd, Mark Forster oder Roland Kaiser.

Aber seit wann ist das eigentlich so, dass Veranstaltungshäuser zum Reklameschild börsennotierter Riesenunternehmen geworden sind? Etwa seit den 00er-Jahren wurden große Veranstaltungshäuser in Deutschland entweder gleich mithilfe eines üppigen Sponsorings von großen Unternehmen gebaut – so etwa die SAP Arena 2002 in Mannheim – oder sie schlossen lukrative Namenssponsorings ab. Seit 2005 heißt etwa die 2001 eröffnete Arena Nürnberg klangvoll „Arena Nürnberger Versicherungen“. Im gleichen Jahr schloss auch das hübsche Waldstadion in Frankfurt am Main einen Vertrag mit einem Geldhaus ab und hieß bis 2020 „Commerzbank-Arena“ und dann „Deutsche Bank Park“. Nicht auszuschließen, dass gewitzte Frankfurterinnen und Frankfurter seitdem öfter „Deutsche Parkbank“ dazu sagen.

Auch in den Folgejahren ging das Umbenennen munter weiter. Das Weserstadion in Bremen heißt nun – aua! – „Wohninvest Weserstadion“, die Arena Oberhausen bis vor kurzem – prost! – „König-Pilsener-Arena“ und nun „Rudolf-Weber-Arena“. Und seit 2019 darf sich die bereits genannte Halle in Leipzig nun „Quarterback Immobilien Arena“ schimpfen, was jüngst auch dem singenden TV-Moderator Jan Böhmermann seltsam vorkam, als er mit seinem Rundfunktanzorchester Ehrenfeld die Halle bespielte. Benannt ist sie nach einer Deutsche-Wohnen-Beteiligung, die gerade in Brandenburg massenhaft Ackerland aufkauft. Was damit wohl geschehen soll? Nun, ein Bio-Bauernhof wird’s wohl nicht. Eher noch steht hier 2026 dann die „Quarterback Immobilien Ackerhalle“.

Im anglo-amerikanischen Raum ist das, was in Deutschland gerade passiert, übrigens schon gang und gäbe. Sage und schreibe 21 Veranstaltungshallen gehören in Großbritannien O2, darunter einige der größten und bekanntesten des Landes wie die „O2 Academy Brixton“ oder der schlicht „The O2“ genannte Entertainment-Komplex südlich von London, in dem Superstars wie Ed Sheeran, Snoop Dogg oder Elton John auftreten. Auch in den Vereinigten Staaten erfreut man sich an Sport- und Kulturereignissen schon länger in wohlklingenden Locations wie dem „KFC Yum! Center“ im Gründungsort der Fast-Food-Kette Kentucky Fried Chicken in Louisville, Kentucky.

Was soll nun das Lamento? Große Bauprojekte kosten viel Geld, und was ist schlimm daran, wenn eine Halle einen bescheuerten Namen trägt? Nun: Erst mal nichts, dann aber doch alles. Klar: Auch der Kulturkonsument ist am Ende nur ein Glied in einer gigantischen Verwertungskette. Aber muss er permanent daran erinnert werden? Und: Wie lange wird es dauern, bis Unternehmen das Potenzial zur Imageaufbesserung auch in subkulturelleren Läden entdecken? Erwartet uns die „Rote Flora powered by Schwäbisch Hall“, der „Amazon-Festsaal Kreuzberg“?

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