„Kommunizieren, was wir nicht wissen“

Interview Was tun, wenn Eltern, Freunde oder Bekannte plötzlich Verschwörungsinhalte teilen? Die Politikwissenschaftlerin Laura Luise Hammel gibt Tipps
„Kommunizieren, was wir nicht wissen“
Mit solcherlei Nachrichten in diversen Gruppenchats haben derzeit viele zu kämpfen

Foto: Imago Images/MiS

der Freitag: Frau Hammel, zur Zeit kursieren viele Verschwörungsmythen zur Corona-Pandemie. Was kann ich machen, wenn mir meine Eltern, meine Verwandten oder auch Freunde und Bekannte Links zu Videos schicken, in denen so etwas erzählt wird, wie: Bill Gates hat das Virus erfunden, um die Weltbevölkerung zu reduzieren?
Laura Luise Hammel: Was wir in den klassischen WhatsApp-Familienchats beobachten, sind häufig keine ausformulierten Verschwörungstheorien, sondern eher Verschwörungsgerüchte. Es handelt sich um kleine Bilder oder Fake News, die geteilt werden, die aber anschlussfähig sind für größere Theorien, bei denen eine kleine Gruppe die Welt kontrolliert oder kontrollieren will. Wenn einem so etwas im familiären oder Freundeskreis begegnet, dann finde ich es wichtig, dass man sachlich bleibt – insbesondere, wenn einem an einer Diskussion gelegen ist und man keinen Streit mit seinen Freunden oder Eltern haben möchte.

Manche Ideen scheinen ja aber so absurd, dass man erst einmal gar nicht weiß, wie man das widerlegen soll.
Bei Fake News gibt es gute Angebote – wie etwa mimikama.at – bei denen man einzelne Gerüchte sehr gut nachprüfen kann. Ich finde es wichtig, kritisch nachzufragen, um den Gerüchtestreuer selbst zum Nachdenken anzuregen. Er wird selbst darauf kommen, dass die Wahrheit nicht so einfach sein kann, wie es die Grafik darlegt, die er da teilt.

Wie kann man Menschen, die solche Sachen teilen, souverän begegnen?
In der aktuellen Situation beobachten wir eine große Unsicherheit, vor allem in Bezug auf gesundheitliche Fragen, den Job, die Reisefreiheit und so weiter. Das verunsichert alles, und das ist ja auch verständlich. Das kann man gut aufnehmen, wenn man eine Diskussion anstellen will. Man kann sagen: Ich kann das verstehen, dass du dich jetzt unsicher fühlst oder vielleicht auch Angst hast. Es ist wichtig, Verständnis für solche Ängste aufzubringen, aber eben nicht Vorurteile oder Hass mitzutragen, wenn es etwa heißt, „die Chinesen“ hätten das Virus gezüchtet. Solche Sündenbocktheorien muss man abwehren oder ihnen widersprechen. Abseits davon kann eine ganz gute Diskussion gelingen.

Kommt es mir nur so vor, oder ist da was dran, dass Konflikte um Verschwörungsmythen häufig zwischen Eltern und Kindern entbrennen?
Mir fällt das nur beim Thema Impfen auf. Ich weiß nicht, inwiefern Sie das verfolgen, aber es scheint auch innerhalb der Grünen oder der grün wählenden Anhängerschaft Generationenkonflikte zu geben, wie man zu diesem Thema steht. Da sind es häufig junge Leute, die das befürworten und ältere Leute, die da kritisch sind. Ich könnte mir vorstellen, dass das auch etwas mit einer Verschiebung der politischen Lager zu tun hat. Die Elterngeneration ist vielleicht eher bereit, autoritätskritischen Verschwörungstheorien Glauben zu schenken. Die sind politisch in einer Zeit aufgewachsen, in der sie sich womöglich gegen ein etabliertes, konservatives politischen System positioniert haben. Die Kindergeneration hingegen befindet sich in einer Zeit, in der, ich nenne sie mal linksliberale politische Einstellungen eine Mehrheitsposition sind, und ich glaube das clasht an der Stelle.

Und abseits von Eltern und Kindern? Warum haben denn überhaupt so viele Menschen auf einmal mit Verschwörungsmythen im engeren Kreis zu tun?
Wir stellen fest, dass Krisensituationen einen Zulauf zu Verschwörungstheorien stark befördern. Wir haben es in den letzten 60 Jahren als Gesellschaft hinbekommen, Risiken immer mehr auszuschalten. Krankheiten wurden ausgerottet, Naturkatastrophen konnten eingedämmt werden. Jetzt befinden wir uns in einer Situation, in der wir merken, dass man nicht für alle Risiken immer vorsorgen kann. Und es kann sich auch schnell eine Situation drehen. Oft sind wir dann nicht zufrieden mit den Erklärungsangeboten, die Medien oder Wissenschaftler liefern. Die erklären uns das nicht vollumfänglich, aber wir wünschen uns eine vollumfängliche Erklärung, weil uns das ein Gefühl von Sicherheit zurückgeben würde.

Zur Person

Laura Luise Hammel promoviert an der Eberhard Karls Universität in Tübingen zu Verschwörungstheorien innerhalb Bewegungen und Parteien der sogenannten Neuen Rechten

Verschwörungstheorien sagen ganz klar: Diese Person oder diese Gruppe ist dran schuld. Sie rücken ein Stück weg von der Idee, dass auch komplexe Zufälle am Werk sein können. Man sagt dann: Das sind einzelne Menschen, die etwas Böses tun. Das ist natürlich eine schöne Erklärung, weil das natürlich auch bedeutet, dass andere Menschen theoretisch in der Lage wären, das zu verhindern. Man erlangt Handlungsmacht zurück. Es ist wichtig vor diesem Hintergrund zu schauen, welches Menschenbild Verschwörungstheoretiker haben. In ihrer Vorstellung können Menschen Geschichte nach ihrem Empfinden lenken. Aber eigentlich wissen wir ja, dass es tatsächlich komplexe, strukturelle, systemische Zusammenhänge sind, aus denen sich Geschichte zusammensetzt.

Einfach hätten wir es doch aber alle gern, oder? Ich würde auch gern sagen: Diese Person ist dran schuld. Trotzdem scheint es ja so zu sein, dass es manchen Menschen sehr viel einleuchtender vorkommt, dass an einer schlimmen Sache bestimmte Personen dran schuld sind, als anderen.
Was mir als Ansatz sehr einleuchtend erscheint ist, dass der Glaube oder eine Neigung zu Verschwörungstheorien mit einer gefühlten Machtlosigkeit einhergeht. Es geht nicht um eine tatsächliche, sondern eine wahrgenommene Machtlosigkeit. Es gibt zum Beispiel Studien aus den 90er-Jahren, die nahelegen, dass Verschwörungstheorien bei ethnischen Minderheiten besonders stark verbreitet sind, etwa Aids-Verschwörungstheorien in den USA. Das sind natürlich auch Gruppen, die reale Diskriminierungserfahrungen machen. Da ist eine Verschwörungstheorie ein Verarbeitungsmechanismus. Wenn ich diskriminiert werde, liegt es nahe zu glauben, dass es eine Verschwörung gegen mich oder meine Gruppe gibt.

Genau so ist es bei Anhängern etwa des Rechtspopulismus in Deutschland, zum Beispiel Anhängern der AfD. Die neigen auch stärker zu Verschwörungstheorien, was auch daran liegt, dass sie sich in einer gefühlten politischen Minderheitenposition befinden und das Gefühl haben, alle anderen Parteien sind ein gegen sie verschworenes Kartell.

Kann man in so einer Lage Menschen überhaupt noch vom Gegenteil überzeugen?
Ich denke, dass es wichtig ist, der Person auf Augenhöhe zu begegnen. Was man zur Zeit bei vielen Diskussionen in den sozialen Medien feststellen kann, ist: Wenn man etwas sofort und entschieden zurückweist und den Menschen als Verschwörungstheoretiker bezeichnet, dann bildet sich eine Front und man hat keine Ebene mehr, auf der man zusammenkommt. Jemanden als Verschwörungstheoretiker zu bezeichnen ist auch eine Stigmatisierung.

Zweifler sind Leute, die Gerüchte rezipieren und sagen: Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Aber wenn man dann weiter fragt, und wissen will: Wieso sollte diese Person denn so handeln, welchen Grund hat Bill Gates denn, so eine Geschichte von langer Hand einzufädeln – dann kommen diese Leute oft selbst ein wenig ins Grübeln. Aber ich glaube diese Leistung müssen sie selbst erbringen. Und man muss ihnen die Möglichkeit lassen, da selbst wieder herauszukommen. Wenn man zu sehr stigmatisiert, verschärfen sich die Fronten, das ist zumindest die Erfahrung, die ich gemacht habe.

Kann man denn verhindern, dass so viele Falschinformationen oder Verschwörungsgerüchte erst entstehen?
In der Medienlogik werden wissenschaftliche Hypothesen notwendigerweise verkürzt als Fakten dargestellt. Aus wissenschaftspolitischer Sicht ist es mir wichtig, dass man ehrlicher darüber spricht, was wir noch nicht wissen, dass wir am Anfang der Erforschung dieses Virus und seinen gesundheitlichen Auswirkungen stehen. Auch für politische Entscheidungsträger war das eine neue Situation, die ganzen Maßnahmen waren teils mit heißer Nadel gestrickt, zum Teil gab es wöchentliche Änderungen. Da war es auch so, dass einzelne Politiker versucht haben, sich mit möglichst drastischen Maßnahmen zu profilieren. Da hätte man auch ehrlicher kommunizieren können, dass die Politik sich auf neue Situationen einstellen muss, und dass es eben keinen vollständigen Plan gibt, weil den gab es definitiv nicht. So kann man auch Leute mitnehmen, die das Gefühl haben, ihnen wird in einer Debatte was vorgesetzt.

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06:00 28.05.2020

Ausgabe 43/2020

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