Neues Album von grim104: Endlich geht diese Welt unter

Rap Als Teil von Zugezogen Maskulin bohrt der Rapper grim104 in den Gewissheiten der Gegenwart. Jetzt geht er an die eigene Substanz: Das dritte Soloalbum „Imperium“ erzählt von untergegangenen Reichen und dem Kollaps direkt vor unseren Augen

Es braucht nun wirklich keine Hinweise darauf, dass die Gegenwart vor unseren Augen zerbröselt, begreifen lässt sich das allein durch Hinsehen. Dass der Rapper grim104 genau diesen Mut zum Abgrund hat, ist lange klar. Als Teil des Rap-Duos Zugezogen Maskulin textete er mit seinem Kollegen Testo ironisch-zynische bis aufrichtig abgeneigte Zeilen gegen die Scheinheiligkeiten des modernen Rap und der modernen Welt.

ZM kamen nicht aus der Großstadt, das hypermaskuline, bemüht-harte Image vieler anderer Rapper amüsierte sie, was bereits der Name zum Ausdruck brachte. Das Duo wollte andere Geschichten erzählen, und tut das bis heute, nicht nur im Doppelpack und längst nicht nur in Reimform. Testo debütierte jüngst als Buchautor mit einem Roman über seine gewaltgesättigte Jugend in den neuen Bundesländern der Nullerjahre (der Freitag 6/2022). Und auch der im friesländischen Zetel aufgewachsene grim104 konzentrierte sich bereits Jahre zuvor mit seinem ersten Soloalbum (2013) weniger auf Gehabe, sondern auf Antiheldentum. Tracks wie Crystal Meth in Brandenburg wurden von Rap-Medien beachtet und vom Feuilleton geliebt. Nicht verwunderlich: Dem damals 25-Jährigen gelang der Beweis, dass die Brutalität der Provinz zwar eine andere, diffusere, lähmendere ist, aber jener der Großstadt in nichts nachstehen muss.

Imperium heißt die nunmehr dritte Veröffentlichung des mittlerweile 34-Jährigen. „Geformt aus einer Welt, die vor mir schon da war. […] Die ist jetzt Asche, wo geh ich hin, wo geht es hin?“, fragt grim104 im ersten Track Abrakadabramit der gewohnten, sanft atonalen Anklage in seiner Stimme, die mancher Kritiker schon mit dem Attribut geisteskrankbeschrieb. In zehn als Songs verpackten Miniaturwelten führt der Rapper durch seine eigenen kollabierten Imperien. Etwa das seiner Jugend: Zahlreiche Verweise auf eine Kindheit in den 90er-Jahren finden sich auf Imperium und schon das Cover zeigt einen untergehenden Ort, eine Videothek nämlich, über welcher der glutrote Himmel die Apokalypse ankündigt.

„Zünd mal was an, spring da runter“

Die nostalgische Sehnsucht nach genau diesem Jahrzehnt und seinen Ausprägungen ist ein kaum zu übersehener popkultureller Trend. Bei grim104 taucht der Hörer aber nicht in eine heimelig-schöne Vergangenheit ein, sondern sieht vielmehr anhand der ständig gespiegelten Gegenwart, wie vorbei diese Zeit ist. Kindheitshelden aus der MTV-Serie Jackass lebten einen abenteuerlichen Rockstar-Lifestyle vor – und sind heute tot (Bam Margera). Schon dämmert es: Was hier daherkommt wie eine autobiografische Wehklage, ist ein Sinnbild für ein viel größeres Ende. Die als Teenager imaginierte Unsterblichkeit („Unverwundbar – zünd mal was an, spring da runter“) entpuppt sich als Taumel, der dem generellen Optimismus der 90er-Jahre nicht ganz unähnlich sieht: Wir können alles, und wenn‘s schief geht, machen wir es halt wieder rückgängig.

Natürlich ein Trugschluss: „Doch viele haben das nicht geschafft. Und Hades gibt auch kein‘ mehr zurück. Das hat nichts zu tun mit Kraft, sondern einfach nur mit Glück.“ Verfall und Tod sind dominant auf Imperium, wichtiger noch als das Sterben erscheint aber das Nichtloslassenkönnen. Grim104 beschreibt, wie er die Nummern seiner toten Freunde nicht aus dem Kontaktbuch zu löschen vermag (Honda Legend ‘99), wie verloren und traurig mittelalte Menschen aussehen, die sich nicht von ihrer Jugendlichkeit verabschieden wollen (Ü30 Männer im Club) und wie ein ganzer Lebensstandard auf Nimmerwiedersehen von den Weltkrisen eingedampft wurde: „Alles tut weh, die Jobs, die wir machen, die Schulden, in denen wir stecken seit Jahren. Die Werbung für medizinische Studien, Kredite und Pfandhäuser in der Bahn. Die Reisen, die wir nie antreten werden, stattdessen nur Trips durch ein sterbendes Land.“

Eingebetteter Medieninhalt

Das könnte nun alles furchtbar deprimierend sein, klingt dank der fantastisch temperierten Produktion vom Berliner AsadJohn aber keineswegs so. Die Instrumentierung ist leichtfüßig, die Trap-Beats kommen mal verhalten, mal roh an den Hörer. Über allem schwebt ein Gestus des eher beseelten Wegs in den Untergang, im eleganten Widerspruch zum Text.

Und doch bleiben da Kontinuitäten, etwa die Nazideutschlands, die der Rapper in Komm und Sieh benannt nach dem gleichnamigen sowjetischen Antikriegsfilm fabelhaft in Einklang bringt mit den faschistischen Tendenzen in der Gegenwart und der eigenen Rolle in dieser Geschichte: „Als ich eins war, war Hitler hundert. […] Alles geht unter, fällt in Schlaf und tiefen Schlummer, das Land der gefrorenen Zehen und tätowierten Nummern.“

Solche Klugheit verbirgt sich auf Imperium oft hinter dem assoziativen Stil, nicht selten ist das Denken unfertig. Wenn es dann doch manchmal konkret wird, treffen die Tracks zielsicher, lassen ganz plötzlich das Blut gefrieren, so wie im großartigen Das Versprechen einer Geschichte über häusliche Gewalt und die Schwierigkeit, ihr in einer entfremdeten Welt überhaupt zu begegnen: „Die Wände sind hier dick, das sind meine Nachbarn, keine Freunde. Wenn ich wen zum Reden will, geh ich zum Therapeuten.“

Grim104 schreibt hier keine gratismutige Anklage der Zustände, sondern eine Anklage seiner selbst in diesen Zuständen – nicht nur für Rap recht außergewöhnlich gedacht und zudem musikalisch kongenial umgesetzt. Es ist also, kurz gesagt, ganz groß, dieses Imperium.

Info

Imperium Grim104 Recycled Earth Music 2022

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