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Album von Kendrick Lamar: Ein Beitrag zur schwarzen Geschichtsschreibung

Rap Kendrick Lamar ist ein Titan des US-Rap. Nach fünf Jahren Funkstille meldet er sich mit einem Album zurück, das an die Substanz geht – seine eigene, und die der schwarzen Community
Das Cover zum neuen Album zeigt den 34-Jährigen Lamar mit seinen zwei Kindern und seiner Lebensgefährtin Whitney Alford
Das Cover zum neuen Album zeigt den 34-Jährigen Lamar mit seinen zwei Kindern und seiner Lebensgefährtin Whitney Alford

Foto: Renell Medrano

Was macht einer, der alles hat? Kendrick Lamar ist ohne ein Gramm Zweifel einer der größten Rapper, vielleicht einer der größten Musiker der Gegenwart: Dutzende Preise und Auszeichnungen kann der 34-Jährige vorweisen, darunter allein elf Grammys und einen Pulitzer-Preis in der Kategorie „Musik“ für sein letztes Album DAMN. (2017). Der Pulitzer wird eigentlich eher an Opernkomponistinnen und Jazzmusiker vergeben, nie an Rapper. Aber ist Kendrick Lamar überhaupt noch so etwas wie ein Rapper – oder längst mehr?

Einer, der alles hat, macht Pause. Fünf Jahre lang war es still um den Rapper, den Barack Obama einmal als einen seiner Lieblingskünstler bezeichnete, und in diesem Fall meint das mehr Stille als üblich: Kendrick Lamar hat sich aus dem Internet weitgehend zurückgezogen. Seine Social-Media-Präsenz ist minimalistisch. Mit der Außenwelt kommuniziert er über seine eigene Kommunikationsfirma pgLang. Die war es auch, die vor einigen Tagen überraschend ein neues Album angekündigt hatte, das Mr. Morale & The Big Steppers heißt. Wie weit Lamar von normalen Popkünstlern entfernt ist, ließ sich schon da erkennen: Nicht mal das Majorlabel Universal wusste bis kurz vor der Veröffentlichung so genau, ob es ein Doppelalbum wird oder nicht. Promotion, Öffentlichkeitsarbeit, Ankündigung, Presse: Braucht es nicht, wenn man Kendrick Lamar heißt.

Es ist ein Doppelalbum. 18 Songs, knapp über einer Stunde. „Ich habe etwas durchgemacht, eintausendachthundertfünfundfünfzig Tage“, erzählt Lamar in den ersten Takten des Openers United in Grief, bezugnehmend auf die Schaffenspause nach dem gigantischen Erfolg des Vorgängeralbums. Und schon ist alles da: Das Jazzpiano, die Taktwechsel, Lamars überirdischer Flow über einem Arrangement, das mit klassischen Hip-Hop-Beats manchmal kaum noch etwas zu tun hat, die zahlreichen Anspielungen: religiöse, spirituelle, popkulturelle, selbstreferenzielle. Das große Kaffeesatzlesen darf beginnen: Lamar-Alben sind für Kritiker und Fans enigmatisch, denn öfter vermischt sich Vieldeutiges mit Konkretem, Slang mit Poesie. Und so kann sich fast nur lächerlich machen, wer eine universelle Interpretation versucht, sehr zum Ärger popkritischer Berufsauskenner.

Das Trauma mehrerer Generationen

Versuchen wir es also zaghaft: Schon das Cover zum Album, 48 Stunden vor dem Album veröffentlicht, ist eine Enthüllung und ein Statement. Es zeigt den bekennenden Christen Lamar in einer heruntergekommenen Wohnung, mit einem Kind auf dem Arm, einer Dornenkrone auf dem Kopf und einer Pistole in den Gürtel geklemmt. Im Hintergrund trägt eine Frau ein Baby, es soll Lamars langjährige Partnerin Whitney Alford und deren zweite gemeinsame Tochter sein. Sein Privatleben schirmt der Rapper üblicherweise von Presse und Öffentlichkeit ab, hier übernimmt er selbst die Kontrolle über das, was er teilen möchte, und verbindet es mit einigen Kernthemen des Albums: Familie, Zusammenhalt, Herkunft, Schmerz, Gewalt.

„Family business“, Familienangelegenheiten, finden auch auf dem Album selbst statt: Neben hochkarätigen Features von Künstler*innen wie Rap-Legende und Wu-Tang-Clan-Mitgründer Ghostface Killah oder Lamars Cousin Baby Keem spricht auch der in Deutschland geborene und in Kanada lebende Autor Eckhart Tolle den ein oder anderen Satz auf dem Album. Tolle, Autor mehrerer spiritueller Bestseller, hat schon US-Stars wie Katy Perry oder Oprah Winfrey beeinflusst. Lamar bespricht seine Konzepte der Gegenwart und des Egos, etwa bei Count Me Out: „Some put it on the devil when they fall short, I put it on my ego, lord of all lords“ („Manche schieben es auf den Teufel, wenn sie versagen, ich schiebe es auf mein Ego, den Herrn aller Herren“).

Faszinierend dicht gelingen solche Introspektionen, das Thematisieren von Gefühlen und Traumata, der Suche nach Erlösung in radikalen Selbstkonzepten, die ganz anders funktionieren als ein großer Teil der restlichen Rap-Welt: sich herausnehmen (Count Me Out), sich verletzlich zeigen (Crown) sich entschuldigen (Mirror), der Familie den Vorrang geben, dem Leben am Smartphone eine Absage erteilen (Rich Spirit).

Herausragendes Beispiel für all das ist der Track Mother I Sober, mit einem Gastauftritt von Portishead-Sängerin Beth Gibbons. Lamar schildert hier nicht nur die traumatische Erfahrung, im Alter von fünf Jahren Zeuge eines Gewaltverbrechens an seiner Mutter geworden zu sein. Der Track handelt von transgenerationaler Weitergabe, jenem psychologischen Konzept, das sich mit der Vererbbarkeit von Traumata beschäftigt: „Ich bete, dass unsere Kinder mich und die Gefühle nicht erben, ich stoße eine Diskussion an, die in schwarzen Familien nicht geführt wird, eine Verwüstung, die Generationen und die Menschheit heimsucht.“ Lamar transzendiert das Luxus-Mindset, beschreibt die Vernarrtheit der Szene in Juwelen und Autos, Gewalt und Drogen als Verarbeitung einer über Generationen weitergegebenen Diskriminierungserfahrung. Die nahezu christliche Botschaft „sei bescheiden“, „be humble“ (HUMBLE., 2017) war auf dem Vorgängeralbum noch mehr an ihn selbst gerichtet, nun adressiert er nicht weniger als die gesamte schwarze Community der Vergangenheit und Gegenwart.

Den Fluch brechen

Dieses Thema spielte auch schon im vor wenigen Tagen veröffentlichten Track The Heart Part 5 eine Rolle. Lamar nahm per Deep-Fake die Gesichter verschiedener schwarzer Berühmtheiten, von Kanye West bis OJ Simpson, an, um deren individuelle Biografien in den Kontext einer übergreifenden schwarzen Lebenserfahrung zu setzen. Der Generationenfluch, so Lamars Worte, kann gebrochen werden – auch um der Gewaltspirale zu entkommen, die er als Jugendlicher in seiner Heimatstadt dem Westcoast-Vorort Compton kennengelernt hat.

Mr. Morale & The Big Steppers wird laut Kendrick Lamars eigener Ankündigung das letzte Album auf dem Label Top Dawg Entertainment sein, das ihn begleitet hat, seit er 15 Jahre alt ist. Gut möglich, dass es bis zur nächsten Meldung wieder Jahre dauern wird. Bis dahin hat die Szene mehr als genug zu tun, dieses wahnsinnig große, aber nie größenwahnsinnige Werk zu verdauen.

Info

Mr. Morale & The Big Steppers Kendrick Lamar Universal 2022

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