Sag mir, wo die Autonomen sind

Connewitz Der Mythos vom rechtsfreien Viertel lebt weiter. Er nützt der Polizei und Medien, die von Angst leben
Sag mir, wo die Autonomen sind
Kurz nach den Krawallen von Rechtsextremen in Connewitz 2016: Ein Bäcker deckt die kaputten Fensterscheiben provisorisch ab

Foto: Jens Schlueter/Getty Images

Wer die vergangenen Tage Berichte zum Leipziger Stadtteil Connewitz gelesen hat, muss den Eindruck erhalten, die Zivilisation habe diesen Ort verlassen. Ein Stadtteil fest in der Hand vagabundierender Anarchos, die alles, was nur nach Staat, Bürgerlichkeit oder Rechtsextremismus aussieht, auf der Stelle in Brand setzen. Zum wiederholten Male schwärmten Journalisten aus Hamburg, Berlin, München in den ostdeutschen Randbezirk und bestätigten, was sie bestätigt sehen wollten. Von der „Hass-Nacht an Silvester“ schrieb die Bild, das „Chaos von Connewitz“ untersuchte der Spiegel, die Zeit sprach vom „Kampf um Connewitz“. Nichts geringeres als die neue RAF formiere sich dort laut Gewerkschafter und Polizistenimitator Rainer Wendt, hier im Süden Leipzigs, nahe Schleußig und Kleinzschocher, kurz vorm Auwald, wo es im Frühling mehr nach Bärlauch als nach Tränengas riecht. Der Chorus ist seit Jahrzehnten monoton, schon 1995 nannte der Spiegel das Viertel „Leipzigs Anarcho-Refugium“ (der Freitag 3/2016).

Gäbe es nicht Journalisten, die die Bezeichnung verdienen, wäre der Stadtteil einmal mehr – wie zuletzt 2016 – vollends als No-Go-Area für Nichtautonome in die Pressegeschichte eingegangen. Unerschrocken wagte ein Autor des Leipziger Stadtmagazins kreuzer, Aiko Kempen, was große Medienhäuser mit ganzen Investigativ-Abteilungen nicht zu leisten vermochten: Er prüfte eine Polizeimeldung. Heute wissen wir, dass die „Notoperation“ eines angegriffenen Polizisten keine solche war, dass „Linke“ in der Silvesternacht keinen Angriff „orchestrierten“ und dass ein brennender Einkaufswagen am Ort des Geschehens wohl politisch unverdächtig blieb. „Welche Rolle der Einkaufswagen spielt, müssen die Ermittlungen zeigen“, ließ der Oberstaatsanwalt verlauten. Das Zurückrudern der Polizei begann bereits am 2. Januar und setzt sich bis heute fort. Da waren die Schreckensmeldungen über das abtrünnige, linke Gallien des Ostens schon in der Welt. Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo nannte das jüngst treffend den „vorzeitigen Nachrichtenerguss“.

Wer nun angereizt von Medienberichten den Stadtteil besucht, muss sich darauf gefasst machen, enttäuscht zu werden. Keine brennenden Barrikaden säumen die Karl-Liebknecht-Straße, die am berüchtigten „Kreuz“ mit dem vielleicht gefährlichsten Rewe Deutschlands endet. Kein schwarz-roten Fahnen wehen aus den Fenstern, zumindest nicht immer. Auf einem Basketballplatz steht ab und zu in großen Lettern „No Cops, no Nazis“, immer so lang, bis beflissene Polizeibeamte den Schriftzug wieder entfernen. Aktuell steht es im Leipziger „Malkampf“ 13:12 für die anonymen Farbterroristen. Es ist der bislang vielleicht öffentlichkeitswirksamste Erfolg der neugegründeten Leipziger „Soko LinX“, die zuvor Schlagzeilen damit machte, dass sie auf mutmaßliche Linksradikale ein Kopfgeld aussetzte, das – kein Scherz – so hoch ist wie zuletzt beim Attentäter Anis Amri. Ansonsten: Drei Schulen, drei Pflegeheime, ein Krankenhaus – wo sind sie denn nur, die Terroristen, die Autonomen, die Hassmaskierten?

Wut gegen teures Bier

Vielleicht irgendwo auf „Deutschlands gefährlichsten 80 Meter“, der Connewitzer Stockartstraße, vor der sogar schon Ex-Innenminister de Maizière gewarnt wurde? Hier würde man schon mal „von einem Autonomen gestoppt“, wenn man mit dem Auto durchwolle – was jeder Connewitzer nur befürworten kann, denn die Parkplatzsituation in der „Stö“ ist dramatisch. So richtig besetzt ist hier seit den 90ern nichts mehr, die in der Nachwendezeit entstandenen Wohnprojekte haben sich mittlerweile recht amtlich in der „Alternativen Wohngenossenschaft Connewitz eG“ organisiert.

Nein, hier zwischen Graffitis und einer eigens eingerichteten Polizeiwache in der direkten Nachbarschaft formiert sich nicht die neue RAF, sondern höchstens Widerstand gegen steigende Bierpreise. In der unmittelbar benachbarten Bar Pivo wurde die Scheibe eingeschmissen, weil das Lokal manchem Connewitzer zu schick, zu teuer ist. Kürzlich stieg dort der Preis fürs Fassbier auf 3,40 Euro. Wer sein Ohr ganz nah an das Glas hält, kann leise einen Münchner lachen hören.

Vielleicht verbirgt sich die Antwort in der Statistik: 19.000 Menschen wohnen in Connewitz, sie sind durchschnittlich 39 Jahre alt und liegen damit knapp unter dem Gesamtleipziger Durchschnitt (42). Die Connewitzer wählen mehrheitlich grün und links, aber auch zu 12 Prozent die CDU, zu 12 Prozent die SPD und zu 8 Prozent die AfD. Der Ausländeranteil beträgt 0,05 Prozent, die Geschlechter sind weitgehend in Balance und die Connewitzer mehrheitlich single. So weit, so ostdeutsch. Die Zahl der registrierten Straftaten ist in Connewitz so wie in ganz Leipzig seit kurzem rückläufig. Gefährlich lebt hier wenn dann der Rad-, nicht der Autofahrer: 2018 wurden über 200 Fahrräder geklaut. Körperverletzungen und andere schwere Straftaten kommen hier so selten vor wie sonst überall auch.

Trotzdem hält sich das Gerücht hartnäckig, sogenannte Autonome hätten hier einen Stützpunkt installiert, der an Tagen wie Silvester oder dem 1. Mai in Bewegung gerät. Der letzte Angriff Linksradikaler auf Polizisten, der zweifellos so zu bezeichnen wäre, fand hier am 12. Dezember 2015 statt. Videos der Polizeibeamten, die an diesem Tag vor Ort waren, wurden kürzlich geleaked. An diesem Tag sahen Teile von Connewitz, vor allem aber Straßenzüge des benachbarten Viertels Südvorstadt, tatsächlich verwüstet aus. Hinzuzufügen bleibt: Da fand eine lang angekündigte Demonstration statt. Die Beteiligten können aus allen Teilen Deutschlands angereist sein.

Die Antwort von rechts folgte Anfang 2016. Etwa 250 Rechtsextreme demolierten unangekündigt und unangemeldet Geschäfte in Connewitz. Sie wurden noch in der Nacht festgenommen. Ein Angeklagter in dem Prozess ist ein JVA-Beamter. Verurteilungen stehen vier Jahre später nach wie vor aus. Die Eigentümer eines ägyptischen Imbisses, der an diesem Abend beinahe vollständig abbrannte, warten noch immer auf eine Aufarbeitung. Jene Person hingegen, die in der vergangenen Silvesternacht einem Polizisten in Connewitz ein Bein gestellt hatte, wurde eine knappe Woche später zu sechs Monaten auf Bewährung und 60 Arbeitsstunden verurteilt. Das Märchen vom „rechtsfreien Raum“, von der autonomen Hochburg Connewitz, es wird von seinen Nutznießern weiter erzählt werden.

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16:25 09.01.2020

Ausgabe 39/2020

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