Seid mal teilbar

Psychologie Wollen Sie zu allem stets eine eindeutige Meinung haben? Das könnte eine Schwäche sein, meint Thomas Bauer

Schon von seiner lateinischen Bedeutung her ist das Individuum „unteilbar“– und so forderten es die Veranstalter der gleichnamigen Demo am vergangenen Samstag auch ein: Solidarität statt Ausgrenzung. Solche „statt“-Forderungen sind in der Politik sehr beliebt, auch weil sie das Individuelle kollektivieren und so zeigen: immer nur Ganzes, nie Halbes! „Herz statt Hetze“, hieß es kürzlich in Chemnitz, „Hebammen statt Weltraum“, forderte der Bundesvorsitzende der Freien Wähler in Abgrenzung zu Markus Söders Raumfahrtprojekt, schon in den 80ern trällerte Joseph Beuys Sonne statt Reagan. Politische Forderungen müssen, so scheint es, eindeutig sein, sonst sind sie unglaubwürdig. Sind sie dann aber noch menschlich?

Der Arabist Thomas Bauer liefert zur haarsträubenden Sucht nach Eindeutigkeit ein reizvolles Buch. Es heißt Die Vereindeutigung der Welt. Darin erklärt er ein eigentlich altbekanntes Phänomen aus der Sozialpsychologie: das der sogenannten Ambiguitätstoleranz. Der Begriff meint die Fähigkeit, vieldeutige Ansichten und Situationen aushalten zu können. Ein ambiguitätstoleranter Mensch würde sich beispielsweise zur Einwanderungsdebatte vielseitig, mitunter widersprüchlich positionieren können. Asylsuchende willkommen heißen? Gern! Kriminalität unter Geflüchteten thematisieren? Notwendig. Solidarität? Ja, aber nicht mit jedem ...

Bauer spürt der Entwicklung der Ambiguitätstoleranz durch die Menschheitsgeschichte nach. Er stellt dar, wie religiöse Instanzen noch in vormodernen Zeiten in der Lage waren, vielseitige und sogar widersprüchliche Deutungen ihrer Gottesschriften nebeneinander zu tolerieren. „Nihil esse respondendum“ – „Es soll keine Antwort gegeben werden.“ –, entgegnete beispielsweise die römische Kurie, als sich die Missionare nicht einig wurden, ob sie die Kinderehen der Armenier nun tolerieren könnten oder nicht. In moderneren Zeiten nahm die Toleranz gegenüber solchen Ansichten deutlich ab.

Warnung vor dem Ingenieur

Das Wort Gottes wurde zunehmend eindeutiger ausgelegt, bis hin zu der fundamentalistischen Annahme, dass es nur eine wahre Interpretation der heiligen Schriften gebe – eine Entwicklung, die sich vom calvinistischen Protestantismus bis zum salafistischen Islamismus zieht.

Zu einem Thema keine widerspruchslose Meinung zu haben, gilt als Ausdruck von Dummheit. Das mag ganz pragmatische Ursprünge haben. Das Festhalten an der faktischen Widersprüchlichkeit der Dinge ist dysfunktional. Spätestens in einer Gesellschaft, die vollständig darauf aufbaut, dass Menschen wie funktionale Einheiten funktionieren, muss das auch psychisch unangenehm werden. Calvins Protestantismus gilt als Geburtsstunde der kapitalistischen Arbeitsethik.

Bauer weist auch auf die vielen Parallelen zwischen kapitalistischem Leben und Wirtschaften und einem dringenden Verlangen nach Eindeutigkeit hin, zum Beispiel auch in der Popkultur: „Und ähnlich, wie der zunehmenden Anzahl von Schokoriegelsorten keine wirkliche Steigerung der Lebensmittelvielfalt entspricht, sind auch diese industriell gefertigten Popsongs eher ein Symptom für die Vereindeutigung der Welt als für künstlerische Vielfalt“, schreibt Bauer. Selbst wenn es scheint , als sei man mit einer Überfülle an Waren, Kultur und Lebensstilen umgeben, ist diese Vielfalt oft nur Fassade. Millionen verfügbare Kleidungsstücke ermöglichen scheinbar eine möglichst authentische Präsentation eines höchst individuellen Selbst. Am Ende tragen dann aber alle den gleichen Stil, hören die gleiche Musik und essen auch das Gleiche.

Der Markt hat gelernt, dem Bedürfnis, eine sehr eindeutige, erwartbare und widerspruchsfreie Identität auszuprägen, ein merkwürdiges Moment zu verleihen, indem er wahre Vielfalt in kleine, konsumierbare, abgepackte Bastelidentitäten überführt. Dieser Kult um Authentizität treibt auch in der politischen Debatte merkwürdige Blüten. Wer versucht, in einer widersprüchlichen, sich ständig verändernden Welt, „echt“ und widerspruchsfrei zu wirken, ist dazu verdammt, sich letzten Endes stets neu erfinden. So verinnerlicht ist diese Form der politischen Darstellung bereits, dass es nur noch ein minimaler Aufreger ist, wenn der Präsident der Vereinigten Staaten völlig ungeniert Behauptungen aufstellt, die sich mit seinen vorherigen offen widersprechen. Trumps Politikstil will pure Echtheit sein, nie eine Kurskorrektur nötig haben und für alles eine Lösung bieten. Er ist das absolute Gegenteil von „nihil esse respondendum“.

Politikstile wie der einer Angela Merkel hingegen versuchen, Konflikten aus dem Weg zu gehen, indem sie Aussagen zu kontroversen Themen möglichst vorsichtig, möglichst vielseitig interpretierbar formulieren. Sie lässt Ambiguität zu. Das ist unbefriedigend, vor allem angesichts realer Probleme. Nicht zuletzt deswegen werden ihr insbesondere von rechts mangelnde „Echtheit“ und ein dysfunktionaler Opportunismus vorgeworfen. Bauer vermeidet es, auf den kompakten knapp 100 Seiten seines Buches derartig schablonenhaft politische Debatten zu deuten. Wohl auch, um nicht selbst zum eindeutigen, binären Theoretiker zu werden: hier die weniger, dort die mehr Ambiguitätstoleranten.

Dennoch drängen sich gewisse Assoziationen nahezu auf. Zum Beispiel, wenn Bauer die Ähnlichkeit zwischen technisch-funktionalem und extremistischem Denken aufzeigt. Er zitiert, dass Ingenieure „unter islamistischen Gewalttätern mit 45 Prozent überproportional vertreten“ seien und dass dies ursächlich auf deren „Intoleranz gegenüber Zweideutigkeiten, also die Ambiguitätsintoleranz, wie sie die Arbeit von Ingenieuren nun einmal unvermeidlicherweise kennzeichnet“, zurückführbar sei. Dass dies mehr als ein Zufall sein könnte, zeigen seine Ausführungen zum Nationalsozialismus. Nichts habe die Sehnsucht nach Eindeutigkeit so ausbuchstabiert wie die NS-Ideologie, die die Juden als uneindeutiges, weil wurzelloses Volk stigmatisierte und sie mit der „rationalen“ Problemlösungslogik eines Technikers industriell ausrotten wollte.

Die Ästhetik des Widerspruchs

Und: Nichts verachteten die Nazis in Kunst und Kultur mehr als das Abstrakte, das Uneindeutige, das ihrer Logik nach nicht klare Wahrheiten produzierte, sondern Probleme aufwarf und Interpretationsspielräume zuließ. Heute gibt es insbesondere im rechten Milieu eben jene Künstler- und Akademikerfeindlichkeit wieder. Die größtmögliche Abneigung erfahren die Schöpfer und Gelehrten von jener Fraktion, für deren „funktionalen“ Verstand die Uneindeutigkeit eines Werkes nur bedeuten kann, dass es wertlos und unnütz ist. Nicht umsonst sei laut Bauer eines der beliebtesten Filmgenres derzeit der Krimi – ein Format, das davon lebt, eine vieldeutige Situation auf einen eindeutigen Ursprung zurückzuführen. Ein Krimi, bei dem am Ende kein Mörder feststeht, wird oft zum „Kunstfilm“ umgedeutet, weil er Probleme hinterlässt, statt Klarheiten zu schaffen.

Das Phänomen der Ambiguitätstoleranz hat einen bemerkenswerten zeitdiagnostischen Gehalt. Gerade deshalb bleibt zu hoffen, dass ihm nicht das gleiche Schicksal droht wie einst der „Dialektik“, nämlich zum inhaltslosen Modewort zu werden. Mehr noch als nur zu deuten kann das Phänomen zur offenbar verloren gegangenen Praxis anreizen, Widersprüche und Vielschichtigkeit wieder als etwas Schönes, weil sehr Menschliches zu begreifen – eine Menschlichkeit, die nicht nur die Einwanderungsdebatte allzu oft vermissen lässt.

Info

Die Vereindeutigung der Welt: Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt Thomas Bauer Reclam 2018, 104 S., 6 €

06:00 25.11.2018

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