Sind wir schauriger als Charlotte Roche?

„Paardiologie“ Die Autorin und ihr Mann wollen in einem Podcast offen über ihre Ehe sprechen. Bislang ist das Zuhören eher unangenehm
Konstantin Nowotny | Ausgabe 27/2019 15
Sind wir schauriger als Charlotte Roche?
Charlotte Roche im Mai bei Markus Lanz

Foto: Imago Images/APress

Kennen Sie das? Sie sind zu Besuch bei einem befreundeten Pärchen. Plötzlich entfacht ein Beziehungsstreit. Er hat das gesagt, sie hat das gesagt – oder sie, sie; er, er, wie auch immer. Dann folgt Level zwei des Pärchenstreits: Der Schulterschluss mit der dritten Person. Fängt gern so an: „Siehst du, er macht das immer!“ Schlimmstenfalls fällt die Floskel: „Sag doch auch mal was.“

In diesen Momenten will man unsichtbar werden. Streit unter Paaren ist das normalste der Welt, dennoch gehört es sich nicht, die Sphäre des Privaten zu durchbrechen. Es ist, als sähe man Fremden zu, wie sie sich die Zehennägel schneiden. Diese Menschlichkeit, diese Durchschnittlichkeit. Pfui!

Ist es dann noch Mut oder schon Leichtsinn, die Konflikte der Paarbeziehung gar in aller Öffentlichkeit zu besprechen? Eben das haben sich Bestsellerautorin Charlotte Roche und ihr Mann Martin Keß mit dem Podcast Paardiologie zum Ziel gesetzt. Schonungslos wollen sie über ihre zwölfjährige Ehe sprechen. Über Höhen und Tiefen. Diesen Freitag wurde die dritte Folge veröffentlicht, 15 sind geplant.

Es ist Roches Disziplin: Schon in Feuchtgebiete war ihr Rezept der Bruch mit der privaten Sphäre bis zur Ekelgrenze. Der Leser wurde geradezu psychoanalytisch herausgefordert: Will ich damit konfrontiert werden, mit diesem widerlich Normalen, das ich so mühsam verdränge, verstecke? Das machte den Reiz aus. Mit Paardiologie könnte ihr Ähnliches gelingen. Allein: Es geht nicht nur um sie. Ihr Partner, der Unternehmer Keß, der die Öffentlichkeit bislang mied und sein Gesicht nicht in der Zeitung sehen will, wirkt in den Gesprächen zurückhaltend. Während Roche hörbar Freude hat, Intimes zu verplaudern, bleibt er oft still. „Sag ruhig, hört ja keiner“, säuselt Roche. Stille.

Nicht nur das macht es zuweilen unangenehm, zuzuhören. Bislang drängt sich der Eindruck auf, das Paar hätte mehr Tiefen als Höhen zu besprechen: Paartherapien, Alkoholismus, Streite und die Überwindung der Eifersucht, wenn der Partner fremdgeht. Trotz allem, so meinen sie, lieben sie sich und sagen sich das auch, on air. Noch schön oder schon schaurig?

Der Wahnsinn ist, was Menschen in eine Beziehung investieren können, die unerträglich scheint. Wir nennen das „Liebe“. Eine Ideologie. Im Spiegel-Interview sagte Keß zum Podcast: „Die Leute werden hoffentlich nicht auf uns blicken und sagen: Die sind total schrecklich.“ Die Interviewer hakten nach: „Warum sollten sie? Sind sie schrecklich?“ Roche antwortete: „Wir sind wie alle.“ Eben.

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