Lyapis Trubetskoy, der Euromaidan und wann Musik hilft

Ukraine Musik ändert am Krieg nie etwas, findet unser Kolumnist. Aber kann sie beim Verstehen helfen?
Siarhei Mikhalok, Sänger der Gruppe Lyapis Trubetskoy, bei einem Konzert mit seiner neuen Band Brutto in Kiev
Siarhei Mikhalok, Sänger der Gruppe Lyapis Trubetskoy, bei einem Konzert mit seiner neuen Band Brutto in Kiev

Foto: ZUMA Wire/IMAGO

Dresden 2014: Ich ziehe zum Studieren in die sächsische Landeshauptstadt und finde mich wieder in einer Zweier-WG mit einer ebenfalls studierenden Russin. Wir reden oft über die Uni, nicht über Politik. Sie bringt von einem Heimatbesuch eine Tasse mit Putin-Aufdruck mit, sieht meinen etwas irritierten Blick und verweist darauf, dass man diese in Russland überall hinterhergeworfen bekomme.

Aus ihrem Zimmer tönen sonst Klavierklänge, nun aber auch ein paar Rock-Akkorde. Erst nur manchmal, dann fast jeden Morgen, jeden Tag. Ein schleppendes, dramatisch klingendes Lied in einer mir unbekannten Sprache. Es ist der Song Воины света (Voiny Sveta, dt. „Krieger des Lichts“) der belarussischen Band Lyapis Trubetskoy. Sie zeigt mir ein Video: Demonstrationen auf dem Maidan in Kiew, Zusammenstöße mit der Polizei, Tränengas, Knüppel, Gewalt, dazu der Refrain: „Krieger des Lichts, Krieger des Guten, verteidigen den Sommer, kämpfen bis in den Morgen.“ Die Übersetzung finde ich erst später, sehe zunächst nur die Bilder, höre den Sound: Das reicht.

Wir reden doch über Politik. Sie unterstützt die Bestrebungen der Ukrainnerinnen und Ukrainer, sich dem Westen anzunähern. Später findet sie in Dresden einen ukrainischen Freund, der den gleichen Vornamen hat wie ich und fließend Deutsch und Russisch spricht. So scheint es mir zumindest. „Er redet viel auf Russisch, aber kann es gar nicht richtig“, sagt sie. Wenn er bei ihr ist, schallt aus ihrem Zimmer Lyapis Trubetskoy. Offenbar verstehen sie sich nur halb, aber es reicht.

Die Band, gegründet 1990 in Minsk, wollte 2014 keinen Protestsong entwerfen. Voiny Sveta handelt von einer Fantasiewelt, könnte eher etwas mit Piraten zu tun haben als mit Demokratie und der EU. Das eigentliche Musikvideo gewann 2015 den Berlin Music Video Award für „Best Art Direction“. Die Euromaidan-Collage wurde von einem Fan erstellt, das Lied avancierte inoffiziell zur Hymne und soll auf den Demonstrationen gespielt worden sein.

Es passte zu gut. Das Licht, das Gute, es meinte für die Protestierenden in der Ukraine die Freiheit und das Gegenteil zu ihrem damaligen Ministerpräsidenten Wiktor Janukowytsch, der infolge der Proteste das Land verließ und vom Parlament abgesetzt wurde. Nun, so berichten ukrainische Medien, soll genau dieser Janukowytsch sich auf eine erneute Präsidentschaft in der Ukraine vorbereiten – ermöglicht durch einen russischen Angriffskrieg.

Lyapis Trubetskoy lösten sich 2014 auf, die Bandmitglieder widmeten sich anderen Projekten. Auf dem Abschlusskonzert in Kiew war Bürgermeister Vitali Klitschko anwesend. Sänger Sjarhei Michalok hat nun ein Elektro-Projekt namens Drezden. Sein Vater arbeitete einst beim sowjetischen Militär, Michalok kam in der sächsischen Landeshauptstadt zur Welt.

Weil er sich mehrfach offen gegen Alexander Lukaschenko positionierte, musste Michalok Belarus verlassen. Kürzlich tauchte ein Video von ihm auf, in dem er eine lodernde Ansprache an seine Fans und Freunde richtet. Er nennt Putin einen „verzweifelten Tyrannen“, empfiehlt seinen Landsleuten, sich sämtlichen militärischen Aktionen zu widersetzen, sie zu sabotieren, sich zur Not im Wald zu verstecken, bloß nicht in den Krieg gegen das Bruderland zu ziehen. Ein bekanntes russisches Schimpfwort taucht sehr oft in dem Video auf. Ich verstehe wenig, aber es reicht.

Derweil nehmen ukrainische Soldaten an der Grenze Tiktok-Videos auf, tanzen zu Nirvana in voller Kampfmontur. Es darf keine Illusion entstehen: Musik ändert nichts am Krieg, nie. Hin und wieder verschlimmert sie ihn, durch Pathos. Manchmal aber hilft sie beim Verstehen, gerade, wenn man nichts versteht. Und das reicht, zumindest für einen Moment.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare 18