Umbrüche

Mathematik Bernhard Neff zeigt Rechenaufgaben im Wandel der Zeit
Konstantin Nowotny | Ausgabe 47/2019 13
Umbrüche

Illustration: der Freitag

Was wir gelehrt bekommen, ist politisch. Mal mehr, mal weniger subtil. Matheaufgaben beispielsweise, die sind doch unbedenklich, oder? Nüchterne, harmlose Zahlenspiele: Von 564 Schülern fahren 324 mit dem Bus, 76 werden gefahren, 102 kommen mit dem Rad. Wie viele bleiben übrig, die sich zu Fuß auf den Weg machen? Naiv, wer hier überhaupt anfängt zu rechnen, schließlich lautet die richtige Antwort: völlig egal, die Verkehrswende kommt, gefahren werden sollte keiner. Die Schule hat offenbar einen viel zu großzügigen Parkplatz. Oder: Peter hat zehn Euro Taschengeld pro Woche, eine Kugel Eis kostet 75 Cent. Wie viele Kugeln kann er kaufen? Auch hier kann man sich das Knobeln sparen, viel relevanter ist doch: Warum hat Peter so viel Geld? Kriegt seine Schwester Maria genauso viel bei gleicher Leistung? Wo kostet eine Kugel Eis noch 75 Cent? Ist es vegan? Und wer um Himmels willen nennt seine Kinder noch Peter und Maria?

Der Gymnasiallehrer und promovierte Historiker Bernhard Neff hat in einem Buch Matheaufgaben im Wandel der Zeit zusammengestellt. Von der Kaiserzeit bis ins vereinte Deutschland unterscheiden sich die Aufgaben stark und verraten viel über die Geisteshaltung der jeweiligen Epoche.

Info

„Legen 5 Soldaten in 2 Stunden 300 Quadratmeter Stolperdraht ...“: Die lustigsten Matheaufgaben von 1890 bis heute Bernhard Neff riva 2019, 8,99 €

Knobeln wie früher

Es folgen einige Auszüge aus Bernhard Neffs Buch:

1.

Ein Müßiggänger hatte von seinem 20. Jahre an 3/8 seiner Zeit verschlafen,1⁄3 so viel mit Spielen vergeudet, 1/9 mit Essen und Trinken hingebracht, ebenso viel verträumt, 1/12 verbummelt, halb so viel aus dem Fenster vergafft und im ganzen nur 8 Jahre und 3 Monate vernünftig gelebt und ernstlich gearbeitet. Wie alt war er geworden?

Bei dem Müßiggänger handelt es sich offenbar um einen dem Alkohol zusprechenden, bummelnden und verträumten Menschen des 19. Jahrhunderts, der auch mal sein Glück im Spiel sucht. Da soll noch mal einer behaupten, im Deutschen Kaiserreich hätte man keine Ahnung von einem wirklich gelungenen Leben gehabt!

2.

Ein chemischer Betrieb stellte 2.350 kg Farbstoffe mehr her, als der Plan vorsah. Es waren 100 t geplant. Stelle selbst eine Frage und rechne!

Was bieten sich hier nicht für großartige Fragestellungen an – zum Beispiel diese: Wie groß muss die Grünfläche sein, um die überflüssigen 2.350 Kilogramm Farbstoffe mehr oder weniger rückstandsfrei versickern zu lassen? Eine sinnvolle Fragestellung, die auch auf eine zukünftige Tätigkeit bei der Wasserwirtschaftsdirektion vorbereitet ...

3.

Lies die folgenden Bezeichnungen!

- X. Parteitag der SED

- VIII. Pädagogischer Kongreß der DDR

- XXXII. Jahrestag der DDR

- Spiele der XXII. Olympiade in Moskau

- XXVI. Parteitag der KommunistischenPartei der Sowjetunion

Man lasse die Schülerinnen und Schüler auch die nachfolgenden Bezeichnungen vorlesen:

CXL Mauertote

XCVIII,IX % für die Einheitsliste bei den Kommunalwahlen 1989

CLXXII Mrd. Euro Staatsschulden der DDR im Jahre 1989

DXII Rothirsche wurden vom Genossen E. Honecker in der Schorfheide zur Strecke gebracht

4.

Nach Beendigung des Polenfeldzuges 1939 erfuhr jemand frühmorgens um 8 Uhr fernmündlich, daß unsere Gegner ein Friedensangebot gemacht haben sollten. Nach einer Viertelstunde hatte er dies zwei Bekannten, nach einer weiteren Viertelstunde hatte jeder von diesen es wieder zwei neuen Bekannten mitgeteilt, die in der nächsten Viertelstunde dasselbe taten. Zeige, daß bereits um 1 Uhr mittags diese »Flüsterpropaganda« sämtliche 500.000 erwachsenen Einwohner einer Großstadt erreicht hatte, wenn zur Vereinfachung angenommen wird, daß sie bei jeder Weitererzählung immer nur Leute erfuhren, die sie bisher noch nicht gehört hatten. (210 ≈ 1.000)

Zum Missvergnügen des „Führers“ handelt es sich hierbei lediglich um ein Gerücht, welches sich nach den Gesetzen der Mathematik fälschlicherweise rasend schnell (exponentiell) verbreitet. Eigentlich hätte die Mathematik im „Dritten Reich“ verboten werden müssen ...

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