Unglaube und Angst

US-Wahl Viele hatten nicht damit gerechnet, umso größer ist nun der Schock: Trump hat die Wahl gewonnen. Eine Analyse aus New York
Unglaube und Angst
Foto: Michael Reaves/AFP/Getty Images

Als gegen 23 Uhr US-amerikanischer Zeit die Schlüsselstaaten Florida und Ohio zugunsten von Donald Trump entschieden wurden, zeichnete sich auf vielen Gesichtern in den Vereinigten Staaten Entsetzen ab. Die Enttäuschung der Clinton-Anhänger ist nicht mehr länger nur „groß“, sie ist vernichtend. Während einige Realisten bereits zu diesem Zeitpunkt die Wahlparty von Clinton unter Tränen verließen, verblieben andere in einer Art masochistischem Optimismus: Es ist noch nichts entschieden, es gibt noch eine Restwahrscheinlichkeit! Nebraska! Gebannt starrten sie auf die sekündlich wechselnden Prozentzahlen. Es geht um Zehntelprozente. Kurz darauf prognostizierte die New York Times einen Wahlsieg für Donald Trump mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent. Der Schock, den die Clinton-Befürworter angesichts dieser Zahl empfanden, steht exemplarisch für einen Wahlkampf, wie ihn die westliche Welt noch nie gesehen hat.

Zuvor bildeten sich an diesem 8. November einige der längsten Schlangen vor Wahllokalen seit Jahrzehnten. Stolz klebten sich viele Amerikaner den „Ich-habe-gewählt“-Sticker auf die Kleidung – jeder für sich mit einem siegessicheren Lächeln. In New York City war die Stimmung vor dem Wahlkampf geradezu beängstigend normal. Big Apple ist traditionell demokratisch. Auf dem Union Square wurde getanzt, zwei Punks saßen mit einem „Fuck Trump“-Schild auf dem Boden. Donald Trump ist in New York eine einzige Karikatur, so, als wäre er überhaupt nicht real. Diese Bequemlichkeit der komfortablen Realitätsverweigerung ist langfristig gesehen mindestens so gefährlich wie Trump selbst.

Dass das andere Lager gewinnen könnte, ist für die Demokraten ein unvorstellbares Unheilsszenario gewesen. Wer würde schon Trump wählen – einen Rassisten und Frauenfeind, jemanden ohne jede politische Erfahrung, jemand der es im 21. Jahrhundert ernsthaft zum Programm macht, eine Mauer an der mexikanischen Grenze zu bauen? Siegessicher zogen sich die Demokraten in ihre Lager zurück: In ihre Facebook-Filterblasen der linksliberalen Freunde und Medien. Zu jedem Zeitpunkt dieser Wahl standen die Umfragen gut – für Clinton ebenso wie für Trump-Anhänger. Es kam nur darauf an, welchen man glaubte.

So viel steht fest: Sowohl das amerikanische Wahlsystem als auch die Medienlandschaft der USA samt ihrer Umfragen eignet sich nicht für Prognosen. Wer sie trotzdem so siegessicher abgibt, wie es in den vergangenen Wochen der Fall war, stilisiert sich selbst zum Orakel und tut niemandem einen Gefallen. Das Resultat dieser Prophezeiungen ist bitter: Wenn sich jeder auf der Gewinnerseite „fühlt“ und dafür auch noch reihenweise Zahlen als vermeintliche Argumente geliefert bekommt, ist der Kater nach dem kollektiven Siegesrausch besonders schmerzhaft. Das war beim Brexit nicht anders.

Kater verschwinden wieder, auch wenn sie sich höllisch anfühlen. Das politische System der USA ist noch immer stabil genug, um selbst einen Präsidenten wie Donald Trump zu überstehen. Noch immer gibt es hier eine starke Opposition und ein Vetorecht, einen Senat und ein Repräsentantenhaus – und eine über 200 Jahre alte Verfassung, die für die Amerikaner derartig heilig ist, dass sogar ihr Wahl- und Waffenrecht aus Bürgerkriegszeiten seitdem nahezu unangetastet geblieben ist.

Was diese Wahl mit den Menschen gemacht hat, ist jedoch nicht so leicht umzukehren. Trump wird seinen Ansichten und seinen Willen gegen die Hälfte der Bevölkerung durchsetzen. So war Demokratie nie gedacht. Sie ist die beste politische Mängelverwaltung von Meinungsunterschieden – und kein Fußballspiel, dass mit Tränen im Elfmeterschießen entschieden wird.

Dieser Wahlkampf war ein Wahlkampf der Gefühle – und diese Form der Demokratie ist gegen Gefühle schlecht gerüstet. Donald Trump wusste das. Er ist ein Meister der Gefühle. Wer braucht schon Inhalte, wenn er Herzen überzeugen kann? Was viele Publizisten auf der anderen Seite des Teiches so verwundert, ist bei genauerer Betrachtung nicht mehr so erstaunlich: Selbstverständlich hat jemand mit einem perfekten Gespür für Selbstvermarktung leichtes Spiel mit einer Gesellschaft, die statt nüchterner Fakten nach Emotion, Pathos und Entertainment giert. Trump ist ein Mensch des Marktes und er resoniert perfekt mit Menschen, die dieser Marktdisziplin folgen. Während die Deutschen über „Make America Great Again“ nur den Kopf schütteln können, treibt diese Phrase, so leer sie sein mag, in Amerika den Blutdruck nach oben. Das ist die Quittung für eine Demokratie, die keine Anstrengungen unternommen hat, ihrem zunehmenden Marketingcharakter irgendetwas entgegenzusetzen sondern ihn großherzig umarmt hat.

Als Hillary Clinton Stunden vor der Wahl auf Twitter schrieb „Was auch immer heute Abend passieren wird, Danke für alles“, klang das bereits wie Kapitulation. Ähnlich war die Stimmung, als ihre Chancen immer weiter schwanden: Entsetzen hier und da, aber auch viel zynisches Lachen über etwas, das man ja irgendwie „geahnt“ hatte. Lustig ist an dieser Wahl aber absolut nichts.

Unser Autor hat die Wahlnacht am Institut für Soziologie, The New School, am Union Square in New York City verbracht

08:10 09.11.2016

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