Verrückt sind die, die noch können

Depressionen und Suizide Sie sind ständiger Begleiter der modernen Welt. Wer nicht so kann, wie er soll, wird zurechtgebogen oder bleibt auf der Strecke. Ein Essay über psychische Gesundheit
Verrückt sind die, die noch können
Die da draußen scheinen immer zu können

Foto: Christopher Furlong/Getty Images

Warnung

Der nachfolgende Text enthält teils drastische Schilderungen von Suizid, die Menschen mit einer psychischen Prädisposition beeinträchtigen könnten

Im Frühjahr beschloss Lisa* zu sterben. An manchen Tagen kam sie nicht mehr aus dem Bett, grübelte ewig, weinte viel. Schaffte sie es mal auf Arbeit, fand sie sich umzingelt von feindlicher Anteilnahme wieder: „Wir haben viel Verständnis für deine Situation“, sagte ihre Chefin, „aber jedes Verständnis hat Grenzen.“ Sie müsse doch verstehen: Jeden Tag, den sie „einfach so“ zu Hause bliebe, müsse ihre Arbeit jemand anderes machen. Und das sei schließlich irgendwann unfair.

Das leuchtete ihr ein. Sie nickte freundlich, entschuldigte sich und fand genügsam die Bestätigung für die Ausweglosigkeit ihrer Situation, die ihr längst klar war. Umso mehr wunderte sie sich darüber, dass ihre Therapeutin widersprach, wenn sie formulierte, was ihr logisch erschien: „Ich stehe allen im Weg.“ Die Therapeutin beschwichtigte und wich aus. Warum sie glaube, dass sie so traurig sei, fragte die Therapeutin. „Ich bin nicht traurig“, antwortete Lisa, „Ich bin die Traurigkeit.“

Info

*Die Charaktere dieses Essays sind fiktiv, beruhen aber auf realen Personen und Begebenheiten

2019 hat sich der Welttag der psychischen Gesundheit – ein Aktionstag der Weltgesundheitsorganisation – der Prävention von Suiziden verschrieben. Zwar ist die Suizidrate in vielen Länder der Welt rückläufig, dennoch: Alle 40 Sekunden stirbt ein Mensch durch die eigene Hand. Unter Menschen zwischen 15 und 29 Jahren ist der Suizid die zweithäufigste Todesursache, nach Verkehrsunfällen, weltweit. Mehr Menschen sterben durch ihn als durch Krieg und Terror. Der schätzungsweise einen Million Suiziden weltweit stehen zwanzig Mal mehr Suizidversuche gegenüber. In Deutschland nehmen sich jedes Jahr 10.000 Menschen das Leben, drei Mal mehr als im Straßenverkehr sterben.

Die Stiftung Depressionshilfe stellt fest, dass in 90 Prozent der Fälle einem Suizid eine psychische Erkrankung vorangegangen ist, in mehr als der Hälfte aller Fälle die Depression. Noch immer existiert viel Falsch- und Halbwissen über diese. Die Stigmatisierung der Betroffenen als irre, krank, irrational trägt oft zur Verschlechterung ihres Zustandes bei. Sie hilft aber der Restgesellschaft, sich auf der richtigen, der wahren, der funktionalen Seite zu fühlen. Ganz besonders in den Industrienationen. Wer wird denn traurig werden im Paradies?

Dieser naiven Einschätzung liegt ein Trugschluss zugrunde. Depressive sind nicht einfach traurig, unter Umständen können sie sogar regelrecht lebensfroh daherkommen. Was Lisa aussprach, war eine exakte Entsprechung dessen, was sie wahrnahm. Wo sie ihre Gedanken äußerte, wendeten sich die Menschen irritiert ab. Zum Arbeiten war sie nicht zu gebrauchen. Ihre Freunde verängstigte sie zunehmend, wenn sie nüchtern davon sprach, dass sie sterben möchte, so als ob es um einen Umzug ginge. Dass sie niemandem etwas nützt, wenn sie nur im Bett liegt und Filme schaut, Musik hört oder einfach gar nichts tut. Hat sie so Unrecht, wenn sie das Gefühl hat, austauschbar zu sein, wertlos? Liebäugelt ihre Chefin nicht längst mit der Idee, ihre Stelle neu zu besetzen? Stimmt es nicht, dass ihr Zustand die kapitalistischen Mühlen, denen sie sich nicht so richtig anzuschließen vermag, aufhält?

Keine Tränen im Paradies

Selbst die Erkenntnis schützt nicht vor der Gewalt der eigenen Gedanken. Der britische Autor Mark Fisher, selbst jahrelang gebeutelt von Depressionen, beschrieb seinen Zustand als „verinnerlichten Ausdruck tatsächlicher sozialer Kräfte“. Obwohl der scharfe Kritiker des neoliberalen Kapitalismus Teile der Schuld für seinen Zustand außerhalb von sich selbst fand – etwas, das vielen Depressiven nicht gelingt – hat er den Kampf gegen die Negativität verloren und nahm sich 2017 das Leben. Eines seiner bekanntesten Bücher heißt Capitalist Realism. Als bezeichnend für jenes Wirtschaftssystem, das sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion endgültig manifestierte, nannte er seine Alternativlosigkeit. Diese Alternativlosigkeit hat bestechende Ähnlichkeit zu der Ausweglosigkeit, die nicht nur Depressive wahrnehmen und die sie zum scheinbar letzten Mittel greifen lässt.

Dem gesellschaftlichen Missverständnis der Depression folgt ein klinisches. Die moderne Psychologie sucht die Ursachen bei biochemischen Funktionsstörungen im Gehirn oder traumatischen Erlebnissen, die eine verzerrte Wahrnehmung und irrationale Schlüsse zur Folge haben können. Zwar gibt es Hinweise darauf, dass Depressionen erblich sind, fehlendes Serotonin ist aber nicht allein ursächlich. Die Vereinten Nationen erkannten bereits im Jahr 2011, dass das „dominante biomedizinische Narrativ der Depression“ auf der „verzerrten und selektiven Nutzung von Forschungsergebnissen“ beruhe, die „nicht weiterverfolgt“ werden sollten. Man solle den Fokus wechseln von „chemischen Ungleichgewichten“ hin zu „Machtungleichgewichten“.

Die gängigen Methoden begreifen das negative Denken der Betroffenen als ungünstigerweise angelerntes Verhalten, das man wieder verlernen kann. In der Psychotherapie gilt die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie als äußerst wirksam gegen die Depression, zumal in Verbindung mit Antidepressiva. Bei dieser Gesprächstherapie lernt der Patient, Wahrnehmung und Verhalten so anzupassen, dass er wieder zu einem funktionalen Mitglied der Gesellschaft wird. Falsche und belastende Schlüsse sollen umgedeutet werden, zu „realitätsgerechten Kognitionen“. Nur was, wenn die Realität bei nüchterner Kognition kaum positive Schlüsse zulässt?

Dass die moderne Welt so in Ordnung ist, wie sie ist, bedarf für manche beträchtlicher Umdeutungsarbeit. „Ihre Situation ist keine Sackgasse, man kann sie ändern“, sagt Lisas Therapeutin. „Ach ja?“, denkt sich Lisa, und versucht sich vorzustellen, wie sie einmal nach 40 Beitragsjahren in Rente geht. Sie denkt an die „Gesunden“, die zwei Drittel ihres wachen Tages ackern. Die, die dazwischen noch eine Yogastunde, eine Partnerschaft und ein Feierabendbier quetschen. Die, die ihre Arbeitskollegen öfter sehen als ihr eigenes Kind und das für normal oder mindestens alternativlos halten. Sie hält ihre Einschätzung für durchaus realitätsgerecht: „Ich kann das nicht und ich werde das niemals können.“ Ihre Therapeutin nickt und notiert: irrationales Katastrophisieren, dysfunktional.

Mitleid hält den Betrieb auf

Es ist nicht klar, ob gegenwärtig mehr Menschen an einer Depression erkranken als jemals zuvor, aber die Krankschreibungen aufgrund psychischer Probleme steigen. Schon ächzen die Arbeitgeber und die Krankenkassen und sehen dringenden Handlungsbedarf: Depressive kosten zu viel, Tote zahlen keine Steuern. Verzichtbar sind die Schwachen nämlich nach wie vor nicht. Seit Jahrzehnten entwickelt die westliche Gesellschaft unentwegt Technologien, die das Leben einfacher machen, mit denen die Menschen sehr viel mehr Wohlstand mit immer weniger Arbeitskraft erwirtschaften können. Die Arbeit scheint dadurch nicht abzunehmen. Im Gegenteil: Im hochindustriellen Kapitalismus müssen noch die, die sich schwer verbiegen lassen, wenigstens noch die Stärken ihrer Abweichung „entdecken“.

Das klappt bei manchen Formen des Autismus – hunderttausende Bürostuhlpsychiater und Fernanalysten Greta Thunbergs sind sich da einig – und natürlich bei der Neuro-Mode der Stunde: dem Narzissmus, der zwar eine anerkannte Persönlichkeitsstörung ist, aber selten behandelt wird, weil er in fast all seinen Ausprägungen hochgradig kapitalismuskonform ist. Die Betroffenen sehen selten Handlungsbedarf, es geht ihnen ja gut. Ihr oft rücksichtsloses Gebaren und ihre Unfähigkeit zum Mitgefühl kann sie sehr weit bringen. Mitleid und Anteilnahme hingegen halten den Betrieb auf.

„Ich muss dann mal wieder los,“ sagte ihre Freundin an einem Abend. „Klar, du musst ja morgen früh raus.“ Lisa schloss die Tür hinter ihr sanft und überlegte, wie sie nun verschwinden könnte, ohne dass noch jemand großen Ärger hat, ohne dass jemand hinter ihr aufräumen müsste oder dass ihr Tod noch Geld kostet. Zum ersten Mal seit einer ganzen Weile räumte sie auf. Sie packte ihre Sachen sauber in Kisten, damit ihre Eltern, Freunde und Bekannte beim Entrümpeln ihrer Wohnung nicht so viel zusammensuchen müssen. Die müssen schließlich wieder früh raus und die Beseitigung der materiellen Reste eines Menschen gibt es keinen Sonderurlaub, höchstens kulante Krankheitstage.

Sie beschließt dann doch, es nicht an diesem Abend geschehen zu lassen. Ihre Freundin schreibt gerade an einer Abschlussarbeit und befindet sich in der stressigen Schlussphase. Lisa möchte nicht der Grund sein, dass sie nicht fertig wird. Bereitwillig hört sie ihren Dämonen daher noch ein paar Nächte zu, die ihr flüstern, dass sie wertlos ist und längst hätte gehen sollen. Am Abend schaut sie eine Dokumentation über einen schwerreichen Immobilienunternehmer. Angesprochen auf die Rechtmäßigkeit seines Reichtums, verteidigt er sich: „Ich bin in dreißig Jahren drei Mal nicht zur Arbeit erschienen wegen Krankheit. Wenn ich einen Bandscheibenvorfall hab, bin ich bei der Arbeit; wenn ich vierzig Grad Fieber habe, bin ich bei der Arbeit; wenn meine Frau mit mir Krach macht und mich nicht schlafen lässt, bin ich bei der Arbeit.“

„So verrückt“, denkt Lisa, „bin ich nicht“.

Info

Hilfe bei akuten Krisen bietet jederzeit die Telefonseelsorge unter 0800 1110111 oder auf telefonseelsorge.de.

16:54 10.10.2019
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