„Wenn du Glück hast, gibt es Krieg“

Israel Unser Redakteur ist für zwei Monate in Tel Aviv. In diesem Report schreibt er von seinen ersten Eindrücken

Die globalisierte Welt hat die Vorfreude auf Reisen erheblich geschmälert. Überall, wo man hinfahren kann, war schon einer. Und der geizt, zumindest in Deutschland, meist ungern mit Ratschlägen: Unbedingt dieses eine Café in Rom aufsuchen, da gibt es den besten Espresso. Der Reisende ahnt die Wahrheit: Es gibt weit über 10.000 gastronomische Einrichtungen in einer Metropole wie Rom. Den besten Espresso kann niemand ermitteln. Die Moderne hat uns längst eingeholt.

Hellhörig kann man immer werden, wenn die Einheimischen reden. Ein israelischer Kollege erzählte mir vor meinem Abflug nach Tel Aviv viel über die Stadt. Weil er vom gleichen Berufsstand ist, drehen sich in seinem Kopf ähnliche Zahnräder. Das erklärt wohl diesen Satz, den er mir bei einem Kaffee – übrigens, auf meine Empfehlung, dem besten Kaffee in ganz Berlin, natürlich – zwei Tage vor Abflug mitgab: „If you‘re lucky, there‘s a war.“

Party und Krieg

Es gibt nie nichts zu berichten aus diesem kleinen Land am Mittelmeer, um das sich seit Jahrtausenden blutig gestritten wird. Tel Aviv im Speziellen, das ist Party und Krieg. Der Krieg ist nicht immer aktiv, zum Glück. Aber er geistert durch Köpfe und Straßen. Was den meisten Tourist*innen sofort auffällt: In der Stadt flanieren junge Frauen und Männer in den braunen Uniformen, mit Maschinengewehren über die Schulter gespannt. Eine akute Bedrohungslage gibt es derzeit nicht. Wenngleich: Vor einem Messerangriff, so steht es auch im Reiseführer, ist niemand jemals wirklich sicher – schon gar nicht, wenn er eine Uniform trägt.

Männer und Frauen – letzteres ist die Besonderheit, die es nur in vier Ländern auf der Welt gibt – leisten den Wehrdienst in Israel verpflichtend ab. Frauen für zwei, Männer für zweieinhalb Jahre. Auch für die vielen Israelis, die dauerhaft im Ausland leben, gibt es normalerweise kein Entkommen, nur Aufschieben ist erlaubt. Die Israelis seien eine „bewaffnete Minderheit“, so sagte es der Historiker Dan Diner, den wir Stipendiatinnen und Stipendiaten des Programms, das meine Reise ermöglicht, kurz vor Abflug treffen durften.

Die Israel Defense Forces (IDF), so der offizielle Name der israelischen Streitkräfte, gehören zu den modernsten Armeen der Welt. Die Armee betreibt Markenbildung und Imagekampagnen, auch auf Social Media. Dort werden heroische Geschichten von jungen Frauen und Männern erzählt, die das Land verteidigen wollen. Auch wogegen man sich konkret verteidigt erklärt die IDF, zum Beispiel auf Instagram: Zeitgenössisch korrekt, im Meme-Format, benannte sie dort vor kurzem den Hamas-Anführer Ismail Hanyya als den Feind, der nicht nur für die Bedrohungslage Israels, sondern im Umkehrschluss auch für das Leiden der Palästinenser*innen im Gazastreifen verantwortlich sei. Gaza ist nicht weit weg von Tel Aviv, so wie eigentlich alles in dem kleinen Land nie weit weg ist. Wer hier mit den Füßen in das im November noch sehr warme Mittelmeer steigt, steht im selben Wasser wie die Palästinenser*innen etwa Hundert Kilometer entfernt. Aber nur auf der einen Seite sind die Füße frei.

Fit wie in Kalifornien

Es fällt nicht schwer zu glauben, dass die starke Bedeutung des Militärs in Israel auch den Blick auf den Körper beeinflusst hat. Wer am Abend den Strandboulevard besucht, sieht in einer Minute locker 50 Joggende an sich vorbeiziehen. Parallel dazu trainieren meist junge Männer an den öffentlichen Fitnessgeräten, bis spät in den Abend hinein. Meine Gastgeberin mutmaßte, auch die „direkte“ Art der Israelis, die oft als Unfreundlichkeit missverstanden würde, könne vom Militär herrühren. Man sei gewohnt, schnell zum Punkt zu kommen, und sich nicht in unnötigen Floskeln zu verlieren.

Dann wiederum: Tel Aviv ist nicht Israel. Hochhäuser, teure Bars und schicke Coffeeshops, schnelle Autos, neueste Technik: Vieles hier erinnert an die amerikanische Westküste, die florierende IT-Branche hat die Stadt mit Kapital überschwemmt. Nur gibt es dort keinen verfeindeten Nachbarstaat, kein Gaza, kein Westjordanland. Diese Woche soll in Tel Aviv das Alarmsystem getestet werden. Im jüngsten Gaza-Krieg, Frühjahr 2021, kamen die Raketen sogar bis ins Stadtgebiet der Metropole, auch wenn sie überwiegend vom Abwehrsystem der IDF gefangen wurden.

Kürzlich erschien eine große Reportage über Israel in der New York Times, welche die Zerissenheit des Landes abbildete. Einige Israelis machen sich seitdem in den sozialen Medien unter dem Hashtag #SadSadIsrael darüber lustig, dass die Autoren ein verzerrtes Bild von einer angeblich deprimierten Gesellschaft zeichneten. Es stimmt: Zumindest in Tel Aviv wirkt niemand besorgt. Die Israelis hier tanzen, lachen, rauchen Gras und machen Yoga am Strand. Das Scherzen über den Tag, an dem alles vorbei sein könnte, oder das aggressive Ignorieren der Konflikte direkt vor der Haustür – zumindest für den Moment –, es gehört zu dem Alltagsverstand, ohne den keiner ruhig schlafen könnte.

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