„Wie ein zweiter Panda“

Porträt Oliver Polak will für Netflix Prominente rösten und nach seinem Corona-Song ein ganzes Album schreiben. Ein Besuch im Hotel-Office
„Wie ein zweiter Panda“
Der Schnauzer-Terrier-Mix Arthur (vorne) hat seinen eigenen Instagram-Account (689 Follower)

Foto: Gerald von Foris für der Freitag

Es gibt sicher schlimmere Orte, an denen man während einer Pandemie festsitzen kann, als in einem Münchner Fünf-Sterne-Hotel. Es ist ein Dienstagnachmittag, in der von allen Seiten her glänzenden Lobby bewegen sich die Etagenanzeiger eines Fahrstuhls langsam nach unten, bis auf die 0. Die Tür öffnet sich, und inmitten all des schicken Hotelpersonals – Gäste gibt es hier aktuell kaum welche – schlappt Oliver Polak, wie üblich in Jogginghose und Bomberjacke, aus der Fahrstuhlkabine. Wir fahren hoch zum Balkon, trinken Espresso auf Abstand im Freien. Am Horizont sind schwach die Alpen zu erkennen.

Polak wirkt gelöst, obwohl er nicht gern Interviews gibt. Dabei würde es nicht verwundern, wenn er gestresst wäre. Nur wenige Tage vorher gab die Netflix-Managerin Jennifer Mival, die Polak einen „spannenden Comedian“ nennt, „der auch mal aneckt“, seine Verpflichtung für das Format Your life is a joke bekannt. Es ist eine der bislang seltenen Produktionen, die direkt von Netflix in Auftrag gegeben wurden und nur für den deutschen Markt bestimmt sind. Der Sendestart ist für die erste Jahreshälfte 2021 geplant.

Der 44-Jährige trifft darin pro Folge eine prominente Person und begleitet sie einen ganzen Tag, um am Ende in seiner bissigen, manchmal an der Boshaftigkeit kratzenden Art zu beschreiben, warum ihr Leben ein Witz ist. Natürlich im Unernst. „Roast“ heißt das Format. Die Gäste werden freundschaftlich gegrillt. Aber: „Um jemanden zu roasten, musst du ihn lieben“, sagt Polak. Er vergleicht die Idee mit einer Rede, die man auf einen guten Freund hält. Einer, bei dem man weiß, welche Übertritte erlaubt sind und welche nicht.

Nicht wie bei Lanz

Zurzeit geht es bei ihm weniger boshaft zu. Der Sender Radio Eins zeigt neue Folgen seines Videopodcasts Besser als Krieg. Vier sind bereits erschienen, auch die Folgen der ersten Staffel aus dem Frühjahr sind noch abrufbar. Polak trifft für das Format jede Woche Persönlichkeiten seiner Wahl. In einer der jüngsten Folgen saßen ihm die Journalistin Fatma Aydemir und die Unternehmerin Aya Jaff gegenüber. Sie sprachen unter anderem über Herkunft und Dating, an einer Stelle imitiert Polak gegenüber Aydemir – die sich als Alf-Fan zu erkennen gibt – den Sitcom-Außerirdischen. Ansonsten witzelt er wenig, lässt viel ausreden. Die Gäste sollen sich wohlfühlen und „nicht wie bei Lanz“ als Sprecher für eine bestimmte Position herhalten müssen. Auch die taz-Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah, die dieses Jahr mit ihrer Kolumne über die Überflüssigkeit der Polizei den Innenminister erzürnte, war in der Sendung. Mit ihrem Text habe sie etwas bewirkt, meint Polak, „im Gegensatz zu 100 deutschen Kabarettisten, die immer behaupten, sie hielten der Gesellschaft den Spiegel vor“.

Bislang traf er ausschließlich Frauen, überwiegend aus der Medienbranche, überwiegend jung, oft „mit Migrationshintergrund“, wie es manchmal heißt, wobei Polak das Wort nicht mag. „Es ist das trojanische Pferd von ‚Ausländer‘, damit meinen Deutsche nicht Schweden oder Holländer, sondern Türken oder arabischstämmige Menschen.“

In den ruhigen Gesprächen geht es oft um das Fremdsein in Deutschland, auch und gerade wenn man hier geboren ist. Polak kann die Fremdheitserfahrungen seiner Gäste als Sohn eines Holocaust-Überlebenden und einer Russin gut nachvollziehen, sagt er. In seiner Heimat, dem emsländischen Papenburg, so steht es in seinem Buch Gegen Judenhass aus dem Jahr 2018, wohnten so gut wie keine Nichtdeutschen und schon gar keine anderen Juden. Seitdem, so Polak, habe er eine Art Herkunftsneugier verinnerlicht, fühle sich unter Leuten, die mit den gleichen Erfahrungen groß geworden sind, „wie wenn man einen zweiten Panda trifft“.

Die Sonne geht langsam unter. Während der zwei Stunden Gespräch betritt kein weiterer Gast den Balkon. Etwa jede Viertelstunde kommt das sichtlich unterforderte Hotelpersonal und fragt, ob wir noch etwas brauchen. Meistens brauchen wir nichts. Polak winkt genervt ab, im gleichen Takt steckt er sich Zigaretten an.

Wer ihn von der Comedy-Bühne kennt, glaubt kaum, dass sich dieser Mensch irgendwo unsicher fühlen kann. Seine Bühnenpersönlichkeit ist selbstbewusst, zynisch, trocken, manchmal regelrecht schamlos. Er liebt es, dem Publikum Lacher zu entlocken, für die es sich ein bisschen schämt – über Juden, Deutsche, falsche Klischees und unangenehme Wahrheiten. Ich darf das, ich bin Jude, der Titel seines Debütromans aus dem Jahr 2008, fasst die Einstellung zusammen. Wie seine erklärten US-Comedy-Vorbilder Louis C.K. und Trevor Noah macht er seine Biografie auf der Bühne bewusst zum Thema.

In einem launigen Stand-up bei der Comedy-Late-Night Nightwash aus dem Jahr 2018 deutet er auf seine Bühnenkollegen im Raum und beginnt seine Show so: „Was für eine kaputte Show heute. Ein transsexueller Türke im Rollstuhl, ’ne kaputte Lesbe, ein Schwarzer mit einem rosa Kamm im Haar, jetzt noch ein verfressener Jude – zusammen sind wir wie die Avengers, nur ohne Fähigkeiten.“ In seinem Programm Das Lachen der Anderen traf er zusammen mit dem Moderator Micky Beisenherz eine ganze Reihe von gesellschaftlichen Randgruppen. Am Ende jeder Folge schrieben beide einen Stand-up über sie. Die Sendung erhielt den Deutschen Fernsehpreis.

Dass einige von Polaks Gästen in Besser als Krieg seinen ruppigen Bühnenhumor nicht immer gutheißen dürften, sieht er nicht als Widerspruch. „Man kann ja Feminist und gegen Rassismus sein und trotzdem eine gewisse harte Form von Humor bedienen.“ Tabuthemen reizen ihn, auch wenn sie ihn selbst betreffen. In seinem Buch Der jüdische Patient aus dem Jahr 2014 schrieb er über seine Depression und seine psychiatrische Behandlung. „Keiner meiner Witze ist härter als die Realität da draußen“, sagte er einmal 2018 in einem Interview mit der taz.

Aber sein tiefschwarzer Humor kennt durchaus Grenzen. In Gegen Judenhass erklärt er, warum es eine große Rolle spielt, wer welchen Gag aus welcher Position heraus macht. In einem Kapitel beschreibt er, wie ein bekannter deutscher Late-Night-Moderator einmal auf der Bühne einen antisemitischen Witz über ihn machte. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier arbeitete später im Freitag (43/2018) heraus, dass es sich um Jan Böhmermann handeln muss. Polak hatte im Buch bewusst auf Namensnennung verzichtet, wollte ein gesellschaftliches Problem ansprechen, anstatt Einzelne vorzuführen. Ungern will er deswegen über Künstler wie Dieter Nuhr oder Lisa Eckhart sprechen, denen Rassismus oder Antisemitismus vorgeworfen wird. Das Kabarett hierzulande sei ihm ohnehin fremd: „Die Welt hat sich verändert, das deutsche Kabarett nicht. Die Welt ist oft eindeutig, der Kabarettist stellt sich dieser Eindeutigkeit uneindeutig gegenüber. Er verlangt dem Publikum etwas ab, was er nicht erfüllen kann. Er will verstanden und geliebt werden, obwohl er sich selbst nicht versteht und liebt. Diese leeren Worthülsen: Grenze überschreiten, der Gesellschaft den Spiegel vorhalten – man sollte diese jahrzehntealte Form auch mal neu definieren.“

Gern im Osten

Im selben Buch gibt Polak zahlreiche latent bis offen antisemitische Anekdoten wieder, die ihm im Laufe seines Lebens widerfahren sind. Einmal hieß es, die Juden wollten immer Mitleid, ein andermal schlug ihm ein Redakteur des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ein Gespräch vor, das dazu dienen sollte, Polaks Humor zu verbessern. Juden seien sonst „intelligent und schlau“, und Polak schien ihm vulgär. Mit Verweis auf die AfD sagt er: „Deutschland ist ja dieses ‚Nie wieder‘-Land. Aber mittlerweile ist ja schon wieder.“

Es wird dunkel und kühl. Auf Polaks Hotelzimmer wartet sein Hund Arthur. Der Schnauzer-Terrier-Mix begleitet ihn auf jeder Reise, auch nach München, und hat einen eigenen Instagram-Account. Noch immer ist kein Mensch außer uns auf dem großen Balkon. Eine Krähe zerpflückt die Tischdekoration. Polak schaut vergnügt zu. „Sollten wir eingreifen?“, frage ich. „Nee, wieso?“

Schon bei der Begrüßung hat Polak am Klang eines Wortes meine ostdeutsche Herkunft erkannt. Wir kommen auf Leipzig zu sprechen. Er schwärmt vom Conne Island, dem linken Zentrum im Stadtteil Connewitz, und wie er dort auf einem Konzert seiner Lieblingsband, der norwegischen Prog-Rock-Gruppe Motorpsycho war. Polak beschreibt die Toiletten des Ladens mit ihren vielen linken Graffitis und Stickern und meint, er habe sich selten an einem Ort so sicher gefühlt wie dort. Er sei gern im Osten, meint er, und fühle auch hier eine Verbundenheit in der Fremdheitserfahrung.

Musik zu machen, reizt ihn gerade selbst wieder mehr. Anfang Oktober erschien der Song Forever Corona, aus der Feder von Polak und mitproduziert von Carsten Meyer alias Erobique, eine melancholische Tanzhymne im 80er-Synthie-Sound. Vor seiner Karriere als Comedian hat Polak in verschiedenen Bands gespielt, am erfolgreichsten mit der Gruppe Sternzeit. Als Drummer der Band schaffte er es in den 90ern ins Vorprogramm von Motorpsycho. Dann stand eine Weile die Comedy im Vordergrund. Aktuell arbeitet er an weiteren Songs. Ein ganzes Album soll entstehen.

Mittlerweile ist es stockdunkel, das Hotelpersonal zündet Kerzen auf vielen leeren Tischen an. Die Kälte kriecht über den Hotelbalkon. Polak meint, er würde gern noch länger sprechen, vor allem über Musik, aber er hat viel zu tun. Arthur ausführen, zum Beispiel. Und schreiben.

Info

Oliver Polaks Videopodcast Besser als Krieg kann auf radioeins.de abgerufen und abonniert werden

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06:00 01.12.2020

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