Willkommen in der teuersten Stadt der Welt

Israel Ein Wirtschaftsmagazin kürte Tel Aviv jüngst zur kostspieligsten Metropole überhaupt. Wie lebt es sich da?
Bis zu einer halben Million Menschen demonstrierten in Tel Aviv im Jahr 2011 gegen die zunehmenden wirtschaftlichen Verwerfungen
Bis zu einer halben Million Menschen demonstrierten in Tel Aviv im Jahr 2011 gegen die zunehmenden wirtschaftlichen Verwerfungen

Foto: Uriel Sinai/Getty Images

Eine Packung Müsli, ein Joghurt, ein Shampoo, ein Duschbad, eine Packung Kaffee und eine kleine Tüte Reibekäse – was würden diese Artikel in Deutschland üblicherweise kosten? Nun, abhängig davon, ob man in München oder Dresden einkauft, ob man zum Discounter oder in den schick beleuchteten Premium-Supermarkt geht, wohl etwas zwischen 10 und 15 Euro.

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Dieser Artikel ist Teil einer Reihe, die unser Autor in Israel schreibt. Hier geht es zum ersten Bericht, hier zum zweiten.

Nicht so in Tel Aviv: Die genannten Produkte kosten hier in einem regulären Supermarkt etwa 90 Schekel, also beim aktuellen Umrechnungskurs satte 25 Euro. So ein wild zusammengewürfelter Einkauf ist kein brauchbarer Vergleich? Gut, dann hier noch einige weitere Beispiele, stichprobenartig zusammengestellt und – selbstverständlich – immer mit Luft nach oben:

- ein großes Bier in einer Bar, zwischen 23 und 38 Schekel = 6 bis 10 Euro

- ein großer Cappucino in einem Café, zwischen 15 und 20 Schekel = 4 bis 5 Euro

- ein WG-Zimmer für einen Monat in einer schöneren Gegend, etwa 3.000 bis 5.000 Schekel = 850 bis 1.400 Euro

- eine Nacht im Hotel mit Strandnähe, zwischen 450 und 1.500 Schekel = 120 bis 420 Euro

Starker Schekel

Die israelische Metropole am Mittelmeer hat auf der Rangliste der teuersten Städte der Welt des britischen Wirtschaftsmagazins The Economist vor kurzem Städte wie Paris, Zürich und New York verdrängt und gilt nun als Spitzenreiter. Die Israelis ächzen über einen anhaltenden Anstieg der Preise in so ziemlich allen privatwirtschaftlichen Sektoren, vor allem im Wohnsektor. Nur Teile der öffentlichen Dienstleistungen sind – zumindest im Vergleich zu manch deutscher Großstadt – günstig: Ein Busticket für die gesamte Stadt kostet umgerechnet etwa 1,60 Euro. Dafür besteht in Tel Aviv aber auch der gesamte ÖPNV aus Bussen.

Woran liegt’s? Der Economist machte zwei treibende Faktoren für den rapiden Preisanstieg aus: ein „starker Schekel“ (vor einem Jahr bekam man für einen Euro nach knapp vier Einheiten der israelischen Währung, im November 2021 waren es zwischenzeitlich unter 3,5) sowie die weltweite Lieferkettenkrise, die das stark importabhängige Israel empfindlich träfe. Laut Economist stiegen die Preise für eine genormte Zusammenstellung von Gütern und Dienstleistungen seit November 2020 um 42 Prozent. Das sei noch keine Hyperinflation wie in Venezuela, aber doch ein beachtlicher Anstieg in kurzer Zeit.

Wenige Tage nach der Meldung konterte die israelische Tageszeitung Haaretz: Der Economist hätte eine falsche Berechnungsgrundlage gewählt. Zwar seien die Preise in Israel tatsächlich stark gestiegen, allerdings sei ein Produkt, das schon immer 100 Schekel kostet, dank des veränderten Umrechnungskurses nur für Ausländer wirklich teurer geworden. Zudem bemerkte Haaretz, dass die Qualität vieler Waren und Dienstleistungen ebenfalls gestiegen sei.

Und das mag stimmen: Wer Tel Aviv besucht, dem fällt sofort auf, dass die Qualität selbst günstiger Speisen und Getränke oft überdurchschnittlich ist – mindestens ebenso überdurchschnittlich wie die Anspruchshaltung vieler Tel Aviver, die mangelhafte Waren und schlechten Service ungern tolerieren. Zugleich kann einem nicht entgehen, dass selbst in guten Gegenden viele Gebäude und Straßen marode sind.

„In Deutschland wäre ich obere Mittelklasse“

Ich treffe einen Deutschen, der in Tel Aviv in einem Pharmaunternehmen arbeitet und nach eigener Auskunft zusammen mit seiner Frau umgerechnet knapp 7.500 Euro brutto im Monat verdient. „Mit dem Geld wären wir in Deutschland obere Mittelklasse“, sagt er mir. Aber: Knapp ein Drittel des Haushaltseinkommens wandert direkt in die Miete für eine Wohnung im Tel Aviver Randbezirk. In Israel ist es – ähnlich wie in den USA – üblich, früher oder später zu erben oder Wohneigentum zu kaufen, da die sehr teuren Mieten den Kreditraten oft ebenbürtig sind. Mit einem Gehalt, das sich ob horrender Mieten kaum auf dem Konto ansammelt, wird es allerdings zunehmend schwer, überhaupt Kredite für die noch teureren Eigentumswohnungen und -häuser zu bekommen. Eine durchschnittliche Vier-Zimmer-Wohnung kostet in Tel Aviv umgerechnet etwa 1,3 Millionen Euro – deutlich mehr als der landesweite Durchschnitt von etwa 620.000 Euro.

Der Lebensstandard in Israel gilt als einer der höchsten im gesamten Nahen Osten. Das monatliche Durchschnittseinkommen beträgt laut der nationalen Statistikbehörde etwa 11.800 Schekel, also 3.200 Euro im Monat. Der durchschnittliche Israeli hat damit weniger zur Verfügung als der durchschnittliche Deutsche (3.900 Euro). Eine Ausnahme davon bilden die Beschäftigten in der IT-Branche, die häufig in Metropolen wie Tel Aviv arbeiten. Sie gelten als große Gewinnerinnen und Gewinner, auch wenn sie nur einen kleinen Teil des Arbeitsmarktes ausmachen. Ihr Einkommen soll mehr als doppelt so hoch sein als das der restlichen arbeitenden Bevölkerung. Im OECD-Vergleich sind die Lebenshaltungskosten in Israel überdurchschnittlich und die Löhne unterdurchschnittlich.

Es herrscht Uneinigkeit darüber, wie die wirtschaftliche Disparität zustande kommt. Einige machen die starke Abhängigkeit des Landes, das mit seinen unmittelbaren Nachbarstaaten mal mehr, mal weniger verfeindet ist, vom Import für die hohen Preise verantwortlich. Die dringend benötigten Importe gestalten sich zudem schwierig. Nicht nur achtet der kleine Staat im Nahen Osten empfindlich genau darauf, was eingeführt wird – hin und wieder muss erst eine Delegation von Rabbis die Produktionsstätte bestimmter Artikel besuchen, damit diese das Koscher-Zertifikat tragen und gewinnbringend verkauft werden können.

Andere verweisen auf die hohen Militärausgaben und die schwache Wirtschaftskraft der großen streng religiösen Community – etwa 12 Prozent der israelischen Bevölkerung machen die ultraorthodoxen Familien aus, von denen meist die Männer wenig bis gar nicht arbeiten. Zweifellos ist es aber der Boom-Faktor von Städten wie Tel Aviv, der die dortigen Lebenshaltungskosten noch einmal besonders in die Höhe treibt.

Erkalteter Protest

Knapp zehn Jahre ist es her, dass sich auf dem Rothschild Boulevard in Tel Aviv – einst Heimat der Mittelklasse – monatelang Menschen zusammenfanden, um gegen die wirtschaftlichen Probleme des Landes zu protestieren, insbesondere gegen die explodierenden Preise auf dem Wohnungsmarkt. Es waren die größten Demonstrationen der israelischen Geschichte, schätzungsweise zwischen 300.000 und 500.000 Menschen gingen hier auf die Straße – in einer Stadt mit, zum damaligen Zeitpunkt, gerade einmal knapp 400.000 Einwohner*innen. Heute stehen auf der breiten Straße mit elegantem Grünstreifen in der Mitte Hotels und schicke Restaurants. Im Nachgang zu den Demonstrationen erhöhte die israelische Regierung 2012 die Mehrwertsteuer auf 18 Prozent. Die Proteste auf der Prachtstraße sind weitgehend abgeebbt, wenngleich ab und zu kleinere Versammlungen stattfinden.

An keinem anderen Ort in Tel Aviv trifft man so verlässlich Menschen, die um Geld betteln, wie hier.

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