Wir müssen gar nichts

Corona Die Menschen gewöhnen sich gerade zu sehr an ein Leben ohne Arbeit, findet Friedrich Merz. Das ist nicht nur eine Verhöhnung, sondern fortgeschrittene Ideologieproduktion
Wir müssen gar nichts
Friedrich Merz befürchtet, die Menschen könnten nach der Krise nicht mehr arbeiten wollen

Foto: Jens Schlüter/AFP/Getty Images

Zwar meldet die Arbeitsagentur mittlerweile keinen coronabedingten Anstieg der Arbeitslosigkeit mehr, dennoch: Hunderttausende haben in dieser Krise ihren Job verloren, Millionen mussten sich mit Kurzarbeitergeld zufriedengeben. Bestimmte Branchen traf es besonders hart. Die Touristik-, die Gastronomie- und die Veranstaltungsbranche werden wohl bis auf Weiteres nicht mehr dieselben sein.

Die finanzielle Notlage ganzer Geschäftszweige scheint aber für manche Politiker nur ein Problem zu sein. Für Friedrich Merz gibt es ein weiteres Damoklesschwert, das über dem Arbeitsmarkt schwebt: die Faulheit. „Es gewöhnen sich ohnehin im Augenblick viele Menschen daran, ein Leben ohne Arbeit zu führen“, sagte er im Interview mit Bild. Bestürzt habe ihn ein Hotelbesuch, bei dem er feststellen musste, dass ihm fürs gezahlte Geld nur wegen einer popeligen, tendenziell tödlichen Krankheit offenbar kaum jemand dienen wollte. Dabei hat er doch extra im Februar seinen Aufsichtsratsposten beim größten Vermögensverwalter der Welt, Blackrock, erbarmungsvoll abgegeben, um sich nun als Kandidat für den CDU-Parteivorsitz den Interessen jener zu widmen, die diese Vermögen geschaffen haben. Wie können sie es wagen, diese frechen Untertanen, ihm mit solchem Undank zu begegnen?

„Wir müssen ein bisschen aufpassen, dass wir uns nicht alle daran gewöhnen, dass wir ohne Arbeit leben können“, ermahnte Merz weiter. Die aktuell knapp drei Millionen Erwerbslosen in Deutschland dürfen sich angesprochen fühlen. Sie wollten es sich gerade so schön am Existenzminimum gemütlich machen – zwar mit gesundheitlichen Folgen, dafür aber immer mit abwechslungsreichen Gängeleien vom Amt – da intervenierte der gütige Christdemokrat. Besser wäre es, sie würden so viel malochen wie er. Auch wenn sie damit Gefahr laufen, trotzdem in relativer Armut zu leben, so wie es bei Millionen Menschen in Deutschland vor Corona der Fall war, zu Boom-Zeiten.

Zurück zum Unsinn

Merz’ Aussagen offenbaren einen vielsagenden Einblick in das Geistesleben von Unternehmern, die Politik machen möchten. Völlig unbeeindruckt davon, dass der technische Fortschritt den Menschen immer mehr Wohlstand mit immer weniger Plackerei ermöglichen könnte, plädieren sie für einen unbedingten Fortbestand der Arbeitsmoral. Seit jeher befürchten viele Konservative und die meisten Liberalen den Zusammenbruch des Abendlandes, wenn Linke Kräfte Löhne erhöhen oder die Arbeitszeit verkürzen wollen. In den vergangenen 200 Jahren wurde eine Reduzierung der Arbeitswoche von einst über 80 Stunden auf durchschnittliche 35 Stunden erkämpft. Seltsamerweise haben das alle überlebt. Dass es nun nicht noch weiter gehen darf mit der Abschaffung der Lohnsklaverei und den dahinterstehenden Druckmechanismen, dafür stehen Menschen wie Merz seit jeher ein. Unvergessen bleibt sein Urteil über die Hartz-IV-Reformen, die er als Fortschritt betrachtete, wenngleich er die ALG-II-Regelsätze als deutlich zu hoch empfand.

Aber stiftet Arbeit nicht auch Identität, gibt sie einem nicht das unentbehrliche Gefühl des Gebrauchtwerdens? Womöglich, nur eben nicht mehr in dieser Realität. „Es gibt in der Tat eine Menge Menschen, denen ihre Aufgabe recht egal ist und die nur arbeiten, weil sie Geld verdienen müssen. Sie würden sofort kündigen, wenn sie einen Sechser im Lotto hätten“, sagte die Organisationspsychologin Amy Wrzesniewski kürzlich der Zeit. Viele Jobs schaffen überhaupt keinen gesellschaftlichen Mehrwert, sondern dienen nur als Beschäftigungsnachweis, als Aufenthaltsgenehmigung auf dem Arbeitsmarkt. Der jüngst verstorbene Anthropologe David Graeber nannte diese Berufe „bullshit jobs“. Diese Krise hat eindrücklich gezeigt: In einer Notlage wird die Krankenschwester dringender benötigt als der Hedgefonds-Manager. Dass daraus aber nicht resultiert, dass die Krankenschwester dementsprechend entlohnt wird, das ist politisch gewollt und ideologisch unterfüttert.

Es verwundert nicht, dass Menschen wie Merz gerade jetzt ins Ideologiehorn blasen. Sie dürfen nicht zulassen, dass aus dieser Krise eine bestimmte Erkenntnis gewonnen wird. Die Erkenntnis nämlich, dass all die Plackerei vielleicht gar nicht unbedingt nötig, dass auch mit weniger Gesamttätigkeit ein relativer Wohlstand für alle möglich wäre, würde nur fair verteilt werden. Bereits geschaffener materieller Wert löst sich nicht einfach in Luft auf, auch nicht durch ein Aerosol.

Es mag sein, dass der Mensch nicht untätig leben kann. Dass und unter welchen Bedingungen er seine Tätigkeit verkaufen muss, um überleben zu können, ist aber kein und war nie ein Naturgesetz. „Wir müssen zurück an die Arbeit“, appelliert Merz, ganz so, als gäbe es keine Grenze zwischen Leuten wie ihm und Menschen, deren Arbeit tatsächlich unverzichtbar ist. „Wir“ könnten uns ganz prächtig an ein Leben ohne diese Form der Arbeit gewöhnen. Nur Leuten wie Friedrich Merz fällt das schwer. Denn es ist ihr großer Wohlstand, der durch diese Arbeit überhaupt erst zustande gekommen ist. Und ein Leben ohne diesen Reichtum? Unvorstellbar.

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12:00 22.09.2020

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