„Wir sind das Aschenputtel der Haustiere“

Interview Bald fällt die Entscheidung über den „Vogel des Jahres“! Favoritin ist die Stadttaube. Wir haben mit einer gesprochen
„Wir sind das Aschenputtel der Haustiere“
Die Stadttaube hat ein Imageproblem. Das hängt auch damit zusammen, dass die eigentlich je recht kleinen Populationen viele weltbekannte Stadtzentren und Plätze bevölkern

Foto: Prakash Mathema/AFP/Getty Images

In einer PR-Aktion hat der Naturschutzbund NABU zusammen mit dem Landesbund für Vogelschutz diesjährig zum ersten Mal das Publikum bei der Wahl zum „Vogel des Jahres 2021“ mitbestimmen lassen. Die zehn Finalist:innen stehen nun fest. Wir haben mit einer gesprochen.

der Freitag: Liebe Stadttaube, Sie belegten bei der Vorwahl zum „Vogel des Jahres“ den ersten Platz, wie fühlt sich das an?

Stadttaube: Es ist eine große Ehre und wir sind immer noch ganz hingerissen von der Unterstützung der Bevölkerung und dem Engagement der Wahlkampfteams. Der „Vogel des Jahres“ ist seit vielen Jahren eher ein Botschafter für ein gefährdetes System. Und auf diese aufklärerische Aufgabe bereiten wir Tauben uns vor. Wir sind uns unserer Sonderstellung bewusst. Schließlich wären wir, falls wir gewählt werden, das erste Haustier! Und würden so auch die Türen öffnen für Masthähnchen und Martinsgans. Aber abgesehen davon, suchen wir die Nähe zum Menschen. Damit sind wir nicht allein. Viele Krähenarten, Haussperlinge und andere wollen in friedlicher Koexistenz mit dem Menschen leben. Ihr macht es uns nicht einfach! Wir würden sehr gerne die ruhmreiche Nachfolge als „Vogel des Jahres“ von Spatz (2002), Mauersegler (2003) und Turmfalke (2007) antreten und auf die Gefährdung der gefiederten Nachbarn im Siedlungsbereich aufmerksam machen.

Sie sprechen da etwas an. Üblicherweise werden zum „Vogel des Jahres“ Arten gewählt, die bedroht sind. Die Stadttaube ist nicht gefährdet. In vielen Städten wird sogar versucht, die Verbreitung des „Schädlings“ einzudämmen. Wie erklären Sie sich das?

Zum einen neigen Menschen dazu, positive Aufmerksamkeit zu schenken, wenn etwas oder jemand ungerechterweise denunziert wird. An dieser Stelle möchte ich solidarische Grüße an Wolf und Biber senden! Zum anderen ist es unsere gesetzliche Sonderstellung, die uns eine besondere Ungerechtigkeit beschert: Wir sind keine Wildvögel, genießen keinen Schutz durch die EU-Vogelschutzrichtlinie. Bei uns kommt „nur“ das Tierschutzgesetz zum Tragen, wonach man einem Tier nicht grundlos Schaden zufügen oder es töten darf. Da wird bei uns Stadttauben aber gerne weggeguckt. Wenn Taubenfreund:innen uns füttern, gibt es immer häufiger empfindliche Bußgelder für sie. Ja, das ist verboten. Entenfüttern aber auch. Verletzte Stadttauben werden eher unwillig medizinisch behandelt, und das nur bei Übernahme der Kosten durch die Finder:in. Diese Ungerechtigkeit und schlechte Erfahrungen lassen zusammenwachsen. Mittlerweile gibt es eine große Stadttauben-Gemeinschaft. Beim deutschen Tierschutzbund läuft gerade eine tolle Aktion: #respecttaube – wir freuen uns über den Zuspruch und können ihn gebrauchen. Gerade jetzt.

Zur „Person“

Die Stadttaube, 29 bis 35 cm groß, Gurrlaut z.B. „Ku-ku-ru-ku-ku“, schlau, treu, kommt auf der ganzen Welt vor und ist ganzjährig in Städten, meist in großen Gruppen, zu beobachten. Sie brütet mehrfach im Jahr

Der Respekt seitens der Menschen fällt durchaus unterschiedlich aus. Eine Kollegin nannte sie kürzlich die „Proletarierin der Lüfte“. Pejorativ sagt so mancher aber auch „Luftratte“ ...

Billige Polemik, über die ich nur noch müde lächeln kann. Wir betrachten uns eher als „Aschenputtel der Haustiere“, und wer weiß? Vielleicht ist die Benennung zum „Vogel des Jahres“ unser gläserner Schuh, der uns von unserem schmutzigen Image befreit ...

Stadttauben sind Zivilisationsprodukte, stammen vermutlich von verwilderten Haus- und Brieftauben ab. Einige brauchen die Essensreste von Menschen, um zu überleben. Sie ähneln uns auch sonst: Sie üben sich in lebenslanger Monogamie. Wird die Stadttaube ein konstanter Begleiter der Menschheit bleiben?

Corona ist für uns hart. Die Menschen bleiben zu Hause (was wir begrüßen!). So finden wir gerade jetzt im Winter weniger zu fressen. Apropos Essensreste: Hat sich irgendwer mal bei uns bedankt, dass wir so fleißig hinter euch aufräumen und damit auch die Vermehrung der Ratten eindämmen? Wir sind Teil des Ökosystems Stadt, wie der Mensch. Wir werden niemanden verdrängen, weil dadurch das System gestört wird. Hier in Berlin haben wir mit dem Habicht, den wir nicht schätzen, einen klassischen Taubenjäger im System. Der achtet darauf, dass wir nicht überhandnehmen. Daran sollte sich der Mensch ein Beispiel nehmen: die Ressourcen zu nutzen, die er wirklich braucht, gleichzeitig dem System etwas zurückgeben. Dann hätten wir alle einige Probleme weniger.

Info

Für die Stadttaube sprach Diana Gevers, ehemalige Freitag-Mitarbeiterin und Vogelschützerin. Zwischen 18. Januar und 19. März kann man unter nabu.de abstimmen

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06:00 06.01.2021

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