Wohltat fürs Geschäft

Charity Google lässt die Nutzer entscheiden, wer die Millionenspenden des Konzerns bekommt
Konstantin Nowotny | Ausgabe 08/2016
Wohltat fürs Geschäft
Philanthropie gehört im Silicion Valley zum guten Ton

Foto: Adam Berry/Getty Images

Wer hat noch nicht, wer will noch mal? 3,75 Millionen Euro stellt der Suchmaschinenriese Google hierzulande für wohltätige Zwecke zur Verfügung. Wer sie bekommt, soll das Volk entscheiden. Genauer: diejenigen, die einen Internetanschluss besitzen oder am Berliner Hauptbahnhof einen der eigens dafür eingerichteten Touchscreens bedienen können. Bei der „Google Impact Challenge“ kann jeder vier Stimmen auf 200 soziale Projekte verteilen. Dabei handelt es sich vor allem um Apps, denn Google will die Digitalisierung von Vereinsarbeit ankurbeln. Das überrascht wenig: Philanthropie, die zugleich das eigene Geschäftsfeld vorantreibt, gehört im Silicion Valley zum guten Ton. Vom Wanderwegführer in Lampertheim bis zur bundesweiten Vernetzungshilfe für Flüchtlingshelfer ist hier dementsprechend alles dabei.

Stellt sich also die Gretchenfrage: Wie hältst du’s mit der Charity? Die Kritik an großkapitalistischer Wohltätigkeit ist bekannt. Sie ändere nichts an den wirklichen Ursachen der Ungleichheit, sondern behandle nur Symptome – oft mit jenem Geld, das zuvor kreativ am Fiskus vorbeimanövriert wurde. Zudem bestimmt der Kapitalgeber, wie geholfen wird, und vertritt damit meist eine eigene Agenda. Die Bill & Melinda Gates Foundation, die mehr als 42 Milliarden US-Dollar stark ist, überragt beispielsweise das Bruttoinlandsprodukt mancher Staaten. Oder auf hiesige Verhältnisse übertragen: zehn unfertige Hauptstadtflughäfen. Das Geld fließt dabei häufig in Unternehmen, an denen Gates’ Stiftung Aktien hält. So besteht etwa eine Nähe zum Lebensmittelkonzern Monsanto, dem vorgeworfen wird, durch Patente auf Saatgut die afrikanische Wirtschaft systematisch in Abhängigkeit zu halten.

Andererseits: Soll solch riesiges Kapital nun besser ungenutzt bleiben und lieber weiter in den Industrienationen zirkulieren? Der australische Philosoph Peter Singer entwarf in diesem Zusammenhang das Konzept des „effektiven Altruismus“. Wohltätigkeit, sagt Singer, müsse daran bemessen werden, wie effektiv sie sei. Während einige Organisationen durch Rückkopplungseffekte oder Misswirtschaft unwirksam seien, könnten andere mit weniger Geld viel mehr erreichen. Laut Singers Theorie, die mittlerweile auch Anhänger an der Wall Street findet, ist es in Ordnung, mit unethisch handelnden Konzernen viel Geld zu verdienen – sofern damit später viel Gutes getan wird.

Hier könnte der demokratische Aspekt von Googles „Impact Challenge“ tatsächlich entscheidende Bedeutung erlangen. Wenn per Abstimmung entschieden wird, welche Projekte gefördert werden, ist der Diskurs immerhin offen. Eine Monsanto-App zur Schnellpatentierung von Genmais hätte dann vielleicht weniger Chancen als eine, die Sprachkurse für Flüchtlinge vermittelt. Also theoretisch. Denn praktisch gewinnt sicher nicht immer das Projekt, das am sozialsten oder sinnvollsten ist, sondern jenes, das am besten vermarktet wurde.

So oder so, eins bleibt gewiss: Mit jedem Scheck aus dem Silicon Valley wird nicht nur Geld, sondern auch eine Portion Staatsskepsis überreicht. Herrscht bei Google, Facebook und Microsoft doch der feste Glaube, dass es kein Primat der Politik, sondern nur genügend smarte Leute mit smarten Technologien brauche, um gesellschaftliche Probleme zu lösen. Man könnte das Soziophysik 2.0 nennen. Oder auch Neoliberalismus mit philanthropischem Antlitz.

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