Externer Gedächtnisverlust I

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Ich bin ein ehrlicher Mensch. Aber ich bin neugierig. Und ich liebe Zeichen.

Als Zeichen definiere ich objektiv betrachtet zufällige Ereignisse, die nicht alltäglich genug sind, um sich nicht über und über mit subjektiver Bedeutung aufladen zu lassen. Zeichen helfen erheblich dabei, sich einen Fetzen Magie ins eigene Leben zu holen, der alles mit einem Hauch Goldflitter überzieht.

Um gleich zum Punkt zu kommen: Ich habe heute eine Festplatte in der S-Bahn gefunden. Ein hübscher kleiner Klotz Aluminium in einem unscheinbaren schwarzen Lederetui. Es lag ausgerechnet auf dem Platz, auf den ich mich setzen wollte. Und dabei gab es so viele freie Plätze; die ganze Bahn war leer. Es fand sich keine Visitenkarte in dem Etui und auch sonst kein Hinweis auf den Besitzer. Mir war sofort klar: Wöllte man sich völlig korrekt verhalten müsste man die Platte augenblicklich beim Fahrer des Zuges abgeben. Ich wollte mich aber nicht korrekt verhalten. Ich wollte wissen, was auf der Platte ist.

Also habe ich den Zug unauffällig auf Überwachungskameras gescannt. Und mich doch ziemlich darüber gewundert, dass es keine gab, jedenfalls keine, den ich entdecken konnte. Dann habe ich die Platte eingesteckt.

Ich war leider nicht auf direktem Weg nach Hause. Im Gegenteil: Ich hatte einige Wege zu erledigen. Schlitternd, zitternd, vorsichtig: ich wollte nicht stürzen. Festplatten und Erschütterungen sind keine Freundinnen. Die Neugier aber ist wie gesagt meine.

Was wohl auf der Platte ist?

Ein Archiv aller Familien- und Urlaubsfotos der letzten Jahre?

Eine gut sortierte Musiksammlung, darunter meinerseits bisher unentdeckte Popperlen?

Zwei Dutzend raubkopierte Filme, darunter auch solche die ich immer schon sehen wollte?

Konto- und Adressdaten Zehntausender Steuersünder, die mir den frühzeitigen Ruhestand finanzieren würden?

Ein unveröffentlichter Roman?

Eine künstlerische Arbeit?

Geheime Firmendaten?

Bombenbaupläne?

Passwörter?

Pornos?

Ich konnte an nichts anderes mehr denken. Natürlich nicht. Es war zugegebenermaßen sehr mühsam mir glaubhaft einzureden, dass ich ja schließlich schon allein deshalb auf die Platte würde zugreifen müssen um einen Hinweis darauf zu finden, wem sie gehört. Ich werde sie auf jeden Fall zurückgeben. Nur eben nicht sofort.

Schließlich weiß ich selber, dass der Verlust eines Datenträgers eine ernsthafte persönliche Katastrophe darstellen kann. Genau vor einer Woche ich das Archiv aller meiner (vorbildlich sicheren und damit quasi unmerkbaren) Passwörter dadurch vernichtet, dass ich das Masterpasswort 5 Mal falsch eingegeben habe. Die Daten haben sich wie bei Mission Impossible selbst gelöscht. Der Sonntag war gelaufen.

In der Woche davor ist eine meiner Festplatten ausgegangen. Scheinbar für immer. Licht aus, Lüfter aus, Stille. Darauf meine künstlerischen Arbeiten der letzten zwei Jahre. Von denen ich glücklicherweise eine Sicherheitskopie angefertigt hatte.

Wem immer diese Platte gehört: Er kann froh sein, dass sie ausgerechnet mir in die Hände gefallen ist.

Der Virenscanner scannt noch.

Ich habe derzeit die Adresse des Berliner Fundbüros gegoogelt.

17:00 07.02.2010
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Geschrieben von

kopfkompass

Wannabe alternative mainstream critic. Artist. Photographer. Videographer. Queer. Pre-Buddhist. Post-Genderist. Banker. Nerd. Dog-Daddy. Green. Vegan.
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