S21 Grubes Spiele ...Stuttgart grüßt Sotschi

Was ist olympisch ? 'Es gibt Projekte, die werden durchgerechnet und es gibt Projekte die sind politisch gewollt.' Olympia in Sotschi ist politisch gewollt. Amateurspiele Stuttgart 21 auch.
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Fünfzig Milliarden Dollar soll der Bau der olympischen Anlagen in und um Sotschi gekostet haben. Wer weiß es schon genau. Und wer will schon genau wissen, welche volkswirtschaftlich relevanten Kosten inklusive aller nicht wieder gut zu machenden Umweltschäden oder individueller Verluste und Zerstörungen hierbei überhaupt mit einbezogen werden.

So oder so sind es nicht nachprüfbare Zahlen, von der staatlichen Macht, dem absoluten Machthaber, einem mit SPD-Vorsitzenden-Expertise-zertifizierten lupenreinen Demokraten, zur Verlautbarung freigegeben. Diesem absolutistischen Demokraten haben sein Volk und die Welt die Aufwertung von Sotschi und seiner Bergwelt in olympische Höhen zu verdanken.

Putins Spiele. Und, alles demokratisch legalisiert und zertifiziert.

Sotschi kennt heute jeder. Der allergrößte Teil der Bauten erfüllt bestenfalls vorübergehend, für ein paar Tage, einen Zweck, ein großer Teil wird niemals fertiggestellt werden, was nicht weiter schlimm wäre, weil es keiner braucht, aber lästig ist, weil es so in der Landschaft herumsteht, die für immer zerstört ist, und keiner je das ganze Gedöns, ob fertiggestellt oder Bauruine, in halbwegs brauchbarem Zustand wird erhalten können.

Es soll sogar zahlreiche infernalische Kostenexplosionen gegeben haben, allerdings hat das keiner gehört, bei dem ununterbrochenen infernalischen Baulärm und generell wird die Furcht vor Explosionen oder anderer terroristischer Bedrohung während der olympischen Spiele viel mehr von der Angst vor einstürzenden oder ins Tal rutschenden Bauwerken überlagert. [1]

In einem demokratischen System, das bereits so viele Jahrzehnte reibungslos funktioniert hat, daß man es fast schon als post-demokratisch bezeichnen kann, gibt es keine Kosten- (oder andere) Explosionen. Hier gibt es flexible Kalkulationen und das bei allen Großprojekten bewährte floating cost system. Ähnlich den Wasserstandsmeldungen, allerdings auf einer nur nach oben offenen Skala.

6,5 Milliarden Euro sollen Grubes Spiele kosten. Gemäß zuletzt öffentlich gewordener Wasserstandsmeldung. Vielleicht auch 8 oder 10 Milliarden. Ab einer gewissen Größenordnung verschwimmt der Unterschied für uns Normalsterbliche ohnehin.

Stuttgart 21 kennt heute jeder. Das Werk wird vielleicht niemals fertiggestellt werden, was nicht weiter schlimm wäre, weil es keiner braucht, aber lästig ist, weil es so in der Landschaft herumsteht, die für immer zerstört ist, und keiner je das ganze Gedöns, ob fertiggestellt oder Bauruine in brauchbarem Zustand wird erhalten können.

Das Volk durfte volksabstimmen.Also, alles demokratisch legalisiert und zertifiziert.

Zwecks Vereinfachung der Bau-, oder vor allem der Abriß-Arbeiten, wurde kurzerhand das Olympia-Gesetz geschaffen, das den Akteuren vor Ort freie Hand gibt, zumRuhme des Vaterlandes, Natur und Privateigentum (wenn nötig samt den leibeigenen Bewohnern) aus dem Weg zu räumen. Wie es einen gerade trifft, oft auch vollkommen entschädigungslos.

Um die Abriß- und Bauarbeiten in Anbetracht des ehrgeizigen Terminplans nicht unnötig in die Länge zu ziehen, bedienen sich die Profit.., pardon Akteure der bestehenden Gesetze um störrische Grundstückseigentümer zu enteignen oder ihre Wohnhäuser an den Hängen zwangsweise für den Tunnelbau untergraben zu dürfen. Damit es nicht ganz so häßlich wirkt, werden sogar symbolische Enteignungs-Handgelder bezahlt. Denn, Schadens- oder Einsturz-Risiko bzw. Wertverlust sind in einem freien Land ja klassische Privatangelegenheit. Der Staat mischt sich da nicht ein. Da sind wir stolz drauf.

Aus Rücksicht auf empfindsame Zeitgenossen kamen die Abriß-Bagger häufig nachts, um das ästhetische Empfinden bei Tageslicht nicht zu beeinträchtigen. Licht aus – krach bumm - Licht an – Haus weg.

Aus Rücksicht auf empfindsame Zeitgenossen kamen die Baumfäller mitten in der Nacht um den Parkliebhabern das Absäbeln und Schreddern jahrhundertealter Bäume im harten Tageslicht zu ersparen. Licht aus – u.s.w.

Auf sumpfigem Untergrund wird Olympia errichtet. In der Hoffnung, dass bis zum Ende der Spiele noch nicht alles versumpft ist.

Mitten hinein in den quellenden Anhydrid und andere unbekannte Schichten werden Eisenbahn-Tunnel olympischen Ausmaßes gebohrt. In der Hoffnung, dass der Berg schon stillhalten wird.

Die Sprungschanzen rutschten bereits ab bzw. versanken im Boden, Beobachter schließen bereits Wetten ab, wie lange es dauern wird, bis die neuen Sprungschanzen unten im Tal, bzw. im Meer angekommen sein werden.

Stuttgart liegt nicht am Meer, aber vorstellbar ist, daß eines Tages einiges von den Hängen in den Grundwasser-/ Mineralwasser-See beim heutigen Bahnhof hinunter rutschen wird.

Grund genug, die bisher im Verborgenen gewachsene Städtepartnerschaft zwischen Sotschi und Stuttgart feierlich zu besiegeln ! Der olympische Gedanke verbindet. (Stuttgarts Bewerbung für 2012 um den Cannstatter Güterbahnhof herum, und Sotschis Winterspiele in der einzig ganzjährig schneefreien Stadt Russlands.) Verbindendes Element ist aber auch die beiderseits ausgeprägte Bau- und Zerstörungswut, mutig ausgelebt bevorzugt an steilen Hanggrundstücken. Stuttgart hat zwar keine talwärts sausenden Skisprungschanzen, dafür vielleicht bald eine fünf Kilometer lange und 200 Meter hohe, unterirdische Rutschbahn, vom Fernsehturm ins Tal. Möglich, dass darin eines Tages Züge fahren werden, sehr wahrscheinlich ist es aber nicht.

1993 soll es gewesen sein, da betrachtete einer von Grubes Vorgängern zusammen mit seinen Polit-Vasallen von oben aus dem Hubschrauber das leckere Immobilien-Filetgrundstück in aller- bester City-Lage, das allen Immobilienhaien das Wasser im Maul zusammen laufen ließ, leider noch mit den 17 Gleisen von Deutschlands ehedem pünktlichsten Großstadt-Bahnhof überbaut. ''Das alles ist mir untertänig, begann er zu Ägyptens König …''Ach nein, nicht König, gewählter Volksvertreter, so muß es richtig heißen. ''Hier soll es sein ! Lasset den alten Hüttenkruscht abreißen und das Land in blühende Immobilien-Landschaften und sprudelnde Geldquellen verwandeln !''

Sprach´s und so ward es getan. Also angefangen. Mit dem Abreißen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann verarschen sie noch heute.

Einerlei. Es geht schließlich um den Industriestandort Deutschland. Ein 80-Millionen-Volk braucht auch noch ein bisschen Verkehrsinfrastruktur, um es mal spaßig zu sagen, ha, ha, Steine und Brücken, ha ha ha, und vor allem Eisenbahn-Tunnels !

Erst wenige Jahre soll es her sein, da kurvte der König, ach Quatsch !, der Chef halt, in einem Geländewagen, vermutlich dem eines befreundeten Unternehmers, durch die herrliche Bergregion und entschied : Hier soll es sein ! Reißt alles ab, was im Wege steht und baut, was die Welt noch nicht gesehen hat !Zum Ruhme der Nation. Und Olympias.

Notorische Nörgler kommen jezt auch wieder mit diesen ewigen Korruptionsgeschichten, da sollen irgendwelche befreundeten Unternehmer einfach so mit den politischen Statthaltern …u.s.w.

Naja, wildes Rußland. Genau diese spontane Entscheidungskraft, die Wodkaflasche noch halb voll, und ohne Zögern, ungestüm gleich umgesetzt was eben erst gedacht wurde , begleitet von wilden Kosakentänzen, das lieben wir doch !

Da spendiert eben der Tunnellbohrer-Zar den kleinen Gutsherren in der Provinz ein paar nette Summen, da werden öffentliche Grundstücke hin und her geschoben, bis keiner mehr weiß wohin die Früchte eigentlich gefallen sind, werden Steuergelder durch verzweigte Kanäle irgendwo hin geleitet, …Darf das Volk doch ruhig wissen, steigert den Respekt vor der Räuberbande. War schon immer so. Je doller, desto oho !

Äh, wo war ich jetzt gerade ? Sotschi ? Stuttgart ?

Die, die aus Prinzip immer etwas auszusetzen haben, haben ja das Recht, dies öffentlich kund zu tun. In einer gut geführten, also gut gelenkten Demokratie sind geordnete Demos kein Problem. Wohlgemerkt, geordnete Demonstrationen. Und zum Glück wissen wir, zu einer gut gelenkten, wirtschafts-kompatiblen Demokratie gehört auch eine gelenkige Presse. Die paßt da schon auf, daß sich nichts regelwidriges entwickelt. Lenkt das gesunde Volksempfinden auf etwaige Störenfriede, die z.B. ''den Frieden in der Stadt gefährden'' wollen !!

Der Rest erledigt sich dann fast von selbst.

Dem bei S21 praktizierten floating cost Wasserstands-Projektkosten-Katechismus erteilte in einer feierlichen und nicht ganz billigen Zeremonie Bischof Tebartz-van Elst seinen persönlichen Segen. Frau Ex-Doktor Schavan hat schon angekündigt, bald auch den päpstlichen Segen nach Stuttgart zu tragen.

Viel Segen kann bestimmt nicht schaden, auch Putin verlässt sich nicht allein auf die Ergebenheit seiner Einheitspartei ''Einiges Russland'' sondern ergänzt seine politische Machtgerne mit derjenigen der orthodoxen Kirche. Also auch unsere grünsozialchristliche Parteien-Einheit, die sonst doch sehr Gott-verlassen dastünde.


[1] Der russische Regimekritiker Boris Nemzow warnt vor dem Besuch der Olympischen Spiele von Sotschi. „Ich halte das Risiko, das die Bauwerke darstellen, für größer als die terroristische Bedrohung“, sagte er in Berlin: „Wenn alle Besucher überleben, ist das ein großer Erfolg. Dies ist kein Scherz.“ Nemzow behauptet, dass viele Arbeiten nicht von professionellen Arbeitern ausgeführt worden seien, sondern von illegalen Einwanderern, die mit Streiks um ihre Bezahlung kämpfen mussten. Dazu komme die russische Gewohnheit, alles im letzten Moment zu erledigen.

21:02 05.02.2014
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