S21 Seltsame Ideen und nicht nur Aprilscherze

oder doch ? Seltsame Ideen gelangen um den 1. April herum in die Öffentlichkeit. Aber bei S21, Elbphilharmonie und beim Alte-Herren-Projekt BER geht's leider nicht um April-Scherze.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Die vielleicht effizienteste Lösung, alle drei Murx-Projekte zu konsolidieren in einem Bad Bau, liefert der 'Postillion'.

http://www.der-postillon.com/2013/03/ber-stuttgart-21-und-elbphilharmonie.html

Wenn jetzt offenbar die alten (und alt gewordenen) Spiel-kameraden Hartmut Mehdorn (71) und Hany Azer (64) sich auf der Desaster-Baustelle in Berlin wiedertreffen, ist das schon der berühmte Treppenwitz der Geschichte ? Oder kommt der eigentliche Witz erst noch ?

Und dazu noch reaktiviert: Meinard von Gerkan (78), der zwischenzeitlich gekündigte und verklagte Architekt von BER.

Sicherlich wurden damit schon gezielt die jüngeren der überhaupt verfügbaren einheimischen Großprojekt-Manager ausgewählt, aber wie eine Frischzellen-Kur wirkt das nicht gerade.

http://www.finanzen.net/nachricht/aktien/Von-S21-zu-BER-Ex-Chefplaner-von-Stuttgart-21-in-Berliner-Flughafenteam-2347923

Immerhin hatte Azer unter Mehdorn als Projektleiter für den neuen Berliner Hauptbahnhof bis 2006 nur knapp das zweifache der geplanten Summe benötigt, bei einer Verdoppelung der geplanten Bauzeit. Triggering Event war die Fußball-WM 2006. Der Bahnhof konnte rechtzeitig in Betrieb gehen, auch um den Preis einer verstümmelten Architektur der oberen Bahnsteighalle. Später stellte sich heraus, daß der Prachtbau mindestens 200 Mio. Euro mehr gekostet hatte, als von der DB veröffentlicht, und damit mehr als 1'2 Mrd.

Nun ja, der problematische Umgang der DB mit Zahlen, ob bei Fahrplänen oder bei Baukosten, hat sich herumgesprochen.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/berliner-hauptbahnhof-noch-teurer-als-bekannt-a-462374.html

Bereits fünf Jahre nach der Eröffnung wurden erste aufwendige Sanierungsarbeiten am neuen Bahnhof erforderlich. Der 'Tagesspiegel' meldete im Januar 2012 weit mehr als 10 Mio. EUR erwartete Kosten. [Siehe auch meinen Beitrag vom 12.02.2012 'Da kommt was auf Stuttgart zu'.]

Läßt das hoffen für BER ?

Als Azer mit seiner milliardenteuren Horror-Risiko-Liste zu S21 bei der DB ins Leere lief, war er so konsequent, im Mai 2011 die S21-Projektleitung niederzulegen.

A propos, ein paar weitere 'Aufrechte' diesbezüglich scheint es bei der DB noch gegeben zu haben.

Recht kurzfristig zum 1.Mai 2013 wird laut Pressemeldungen vom 18.03.13 'der wichtigste Infrastruktur-Manager der Deutschen Bahn (DB) überraschend den Staatskonzern verlassen : Oliver Kraft, Vorstandsvorsitzender der DB Netz AG.

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.fuehrungswechsel-bei-der-bahn-hoher-bahn-manager-geht.ca5ed92c-3130-451f-9e46-7280595cae4f.html

Die zeitliche Nähe zu den skandalösen Weiterbau-Entscheidungen trotz der längst nicht mehr nachvollziehbaren, von DB publizierten 2'3 Milliarden Kostenerhöhungen, legt den Verdacht eines Zusammenhangs nahe. Ende 2009 verließ der damalige Konzernvorstand für die Infrastruktur, Stefan Garber, die DB nachdem –knapp 8 Monate nach Unterzeichnung der Finanzierungsvereinbarung mit Land und Stadt- die bei DB schon vor Vertragsunterzeichnung bekannten, um eine schlappe Milliarde (!) höheren Kosten von der DB zugegeben wurden.

Wenigstens sollte man Mehdorn gönnen, täglich mit der von ihm zugrundegerichteten S-Bahn in Berlin an seine neue Wirkungsstätte zu fahren versuchen zu müssen. (...gefahren wären gewesen ...). In seinem DB-Börsifizierungswahn wurde insbesondere bei der Berliner S-Bahn die Instandhaltung in kriminellem Ausmaß jahrelang eingeschränkt und ver- nachlässigt, bis im Juli 2009 das EBA die Stilllegung von ca. 2/3 der nicht mehr betriebssicheren S-Bahn-Flotte anordnete. Mit weiteren Fahrzeugausfällen hatten im Herbst 2009 Mehdorn und seine Vasallen in Friedenszeiten das wiederholt, was in der über 80-jähren Geschichte der elektrischen Berliner S-Bahn zuvor nur einmal die Rote Armee in den schlimmsten Tagen während der Einnahme der Stadt im April 1945 geschafft hatte : weniger als 25% der vorhandenen Fahrzeugflotte waren einsatzbereit.

Ob es sich bei Kretsche (65) schon um Alterserscheinungen handelt, wenn er sich (a) an seine eigenen Forderungen von vor der Wahl ("Kein S21 !") nach der Wahl nicht mehr erinnern kann und (b) inzwischen sogar weitere Kostenübernahmen durch das Land unter dem Decknamen 'verbesserter Flughafenbahnhof' in den Raum stellt, oder es sich schlicht um ordinäre Machtpolitik handelt ?

Für seine absolut deplacierten Mehrkostenübernahme-Äußerungen hat er von seinen Bundes-Grünen schon kräftig eins auf den Deckel bekommen.

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kretschmann-und-stuttgart-21-gruenen-spitze-kritisiert-kretschmanns-nachgiebigkeit.d6803a1c-58fa-48e6-aea7-848e7b4b80f7.html

Ob's hilft, oder der Zustand sich eher verschlimmert ?

Bemerkenswert Kretsches Antworten im STZ-Interview vom 13.03.2013 [Auszug] :

'Renate Künast, die Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Grünen, hat gefordert, die Bundestagswahl zur Abstimmung über Stuttgart 21 zu machen. Teilen Sie dieses Ansinnen?'
'Nein. Stuttgart 21 ist entschieden, das mache ich nicht mehr zum Wahlkampfthema. Aber bei den zwei Milliarden prognostizierten Mehrkosten geht es um Geld, das die Bahn als Bundesunternehmen tragen muss. Da schauen Bundespolitiker, nicht nur bei den Grünen, schon genau drauf. Das Geld fehlt dem Bund im Zweifel bei anderen Infrastrukturprojekten.'

'Woran liegt es denn konkret?' [dass BaWü im vergleich zu anderen Bundesländern beim Ausbau der Windenergie nicht richtig vorankommt]

'Ungeklärte Planungsfragen hemmen Investitionen, das ist nicht neu. Artenschutzbelange sind zu wahren, jedoch ist auch darauf achten, dass sie mit anderen Interessen abgewogen werden. Da fehlt noch die Balance, da gibt es auch noch ­Abstimmungsbedarf zwischen den Ressorts. Ich mache Druck, zum Beispiel, dass in Landschaftsschutzgebieten großzügig Ausnahmen möglich sind. Tausend Windräder in Baden-Württemberg können nicht ernsthaft den Naturschutz beeinträchtigen.'

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.interview-mit-winfried-kretschmann-stuttgart-21-mache-ich-nicht-mehr-zum-wahlkampfthema-page2.d06e2326-d832-4bfb-9a7f-66b3837c0d90.html

"Ich mache Druck, daß in Landschaftsschutzgebieten großzügig Ausnahmen möglich sind" . . .

Was heißt eigentlich 'Grün' ? Grünes Licht für die Wirtschaft ?

Das historische Dilemma aller schwäbischen Dichter und (Voraus-)Denker. Sie werden zu Lebzeiten von der Welt nicht verstanden. Das muß Kretsche zur Zeit erleiden. Er war darauf aus, sich an einer höheren Macht zu orientieren, das waren zwischendurch mal die Kommunisten, dauerhaft die katholische Kirche, jetzt scheint Angela Merkel die höhere Führungsmacht zu sein.

Die sozialen Gegensätze werden auch in Deutschland immer größer. Kein Versuch, diese zu überbrücken oder gar zu beseitigen. Statt dessen erklärt man sie dem Volk, dialektisch. Ja genau, das isch Dialektik in ihrer schönschten Anschaulichkeit !

Wer wäre also besser geeignet als Kretsche, vielleicht noch begleitet von ein paar kraftvollen Hannah Arendt-Zitaten ? (Woran es wohl liegt, daß ich beim Namen Kretschmann bildlich immer Mathias Richling vor mir sehe ? Wer ist das Original, wer die Fälschung ?! ).

Mit dem rechten Verständnis von Dialektik kann man hier beides harmonisch vereinen : die schwäbische Hausfrau mit der Tugend der Sparsamkeit ( z.B. alleinerziehende, arbeitslos gewordene Hartz IV-Empfängerin) auf der einen Seite, und die sinnlose Vermögensvernichtungsmaschine S21 auf der andern Seite.

Und da Kretsche mal etwas von Basis-Demokratie gehört hat, wird das Sparmodell nicht von oben herab angewandt, sondern bottom-up, also von unten nach oben entwickelt. Nur hat Kretsche eben das Problem, dass das Volk ihm intellektuell nicht folgen kann. Für S21 fließen weiter die Milliarden und der Hartz IV-Empfänger übt sich schon mal …

Ach so, ein paar wohl passende Hannah Arendt-Zitate habe ich spontan schon gefunden. Ob sie den Kretschmann wohl kannte ? Oder solche Menschen wie ihn ?

"Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen."

"Der Philosoph, der in der Öffentlichkeit eingreifen will, ist kein Philosoph mehr, sondern Politiker; er will nicht mehr nur Wahrheit, sondern Macht."

"Es sind doch noch ordentliche Leute dort. Und die Stadt bleibt herrlich, die schönste in Deutschland. "

[ tja, letztes Zitat bezog sich auf Heidelberg. Nicht auf Stuttgart.]

21:37 02.04.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 2