S21 Was treibt die Bau- und Immobilienbranche in Stuttgart (Teil 1)

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Sternschnuppen der Demokratie / Hungrige Wölfe in der Bauindustrie / Immobilienlobby sitzt im Stuttgarter Rathaus / Aufholjagd bei Leerstandsquoten.

Oder : Der Versuch, ein bisschen hinter die Kulissen zu schauen und Zusammenhänge aufzuzeigen. Seine Schlüsse muß jeder selbst daraus ziehen.


"Die Verbindungen nach Ulm und München werden deutlich reduziert."

Das vermeldete der Vorstand der IWS Immobilienwirtschaft Stuttgart e.V. wortwörtlich in seinem Mitglieder-Rundbrief zu 'Stuttgart 21 nach der Volksabstimmung'.

Naja, die überschwängliche Freude hat eben die Sorgfalt beim Satzbau etwas überlagert.

Vielleicht war das auch beim folgenden Zitat der Fall :

"Die Demokratie hat eine Sternstunde erlebt, wenngleich dies von den Projektgegnern leider (noch) nicht akzeptiert wird." Wahrscheinlich sollte es 'Sternschnuppe' heißen und nicht "Sternstunde'.

Auch andere, wichtige Zusammenhänge gerieten etwas durcheinander :

"Das „Nein“ der Bürger von Baden-Württemberg heißt „Ja“ zu Stuttgart 21".

Das hörten und hören (und lesen) wir ja regelmäßig. Dadurch steigt nicht der Wahrheitsgehalt.

"Ihre Ziele [ der Projektgegner] waren von Rückschritt und purer Opposition geprägt."

"Rückschritt" ? Wie soll man sich das bildlich vorstellen ? Es sind doch nicht die S21-Gegner, die einen der pünktlichsten Bahnhöfe Deutschlands abreißen. Aber nun ja, da hat sich eben mal einer a bißleausg'schimpft.

www.iws-stuttgart.de/tl_files/iws/downloads/S%2021%20Mitgliederrundschreiben%20%20zur%20Volksabstimmung%20Stuttgart%2021%202011-12_neu.pdf

Etwas sachlicher geht die Immobilien-Zeitung vom 1.12.2011 mit den Konsequenzen aus der Volksabstimmung um, breiten Raum nimmt die offene Kostenfrage ein und die Sorge "ob der Kostendeckel hält."

Wie sollte er ?

Also, wer ist nochmals dieser IWS (Immobilienwirtschaft Stuttgart e.V.) ? In meinen Blogs vom 24. und 28.09.2011 hatte ich den IWS und seine seltsame Verbindung mit der Stadtverwaltung bereits vorgestellt. IWS definiert sich selbst so : ' Zweck des IWS ist die Förderung des Immobilienstandortes Stuttgart , sowie die Interessenvertretung der in der Immobilienwirtschaft des Standortes tätigen Unternehmen und Personen.'

www.iws-stuttgart.de/tl_files/iws/downloads/IWS_Praesentation_05112011.pdf

'2004 gegründet, entwickelte sich der IWS Immobilienwirtschaft Stuttgart e.V. mit inzwischen rund 100 Mitgliedern binnen weniger Jahre zum Branchenverband und zur Interessensvertretung für die gesamte Metropolregion Stuttgart. Zu den Zielen zählen die Förderung der Immobilienwirtschaft und des Immobilienstandorts …' wird uns in einer Veröffentlichung der Landeshauptstadt erklärt.

www.widepr.de/firmen_profil/5935/Landeshauptstadt_Stuttgart.html

Und als Kontaktadresse der 'Förderer der Immobilienwirtschaft' wird angegeben : "Landeshauptstadt Stuttgart, Ines Aufrecht, Rathaus, Marktplatz 1, 70173 Stuttgart."

Ach ja, hatte OB Schuster doch 2011 entschieden, "in der nun anstehenden 2-jährigen Testphase die Immobilienwirtschaft (IWS) der Stadt gewissermaßen zur Seite zu stellen." IWS interpretiert das so, dass der IWS als 'Monitor' und 'Sparringspartner' der Verwaltung die Testphase begleiten soll.www.iws-stuttgart.de/assets/pdf/aktuelles-zu-sim.pdf"Erster Schritt dieses Monitorings war ein Gespräch am 08.06.2011 mit dem Leiter des Planungsamts, Herrn Dr. Kron. Die wichtigste Erkenntnis aus diesem Gespräch vorab: Herr Dr. Kron hat in mehrerlei Hinsicht Flexibilität signalisiert …ein schöner erster Erfolg, wie wir meinen."Zu dieser Flexibilität und dem 'schönen ersten Erfolg' und was damit gemeint ist, später noch etwas mehr im Zusammenhang mit der geplanten S21-Neubebauung.Der Lobby-Verband IWS hat ca. 100 Mitglieder mit lokalen Interessen im Großraum Stuttgart, im wesentlichen Immobilienfirmen, Baufirmen, Architekturbüros, Projektentwickler, Banken etc. Und, seltsamerweise, die Abteilung 'Wirtschaftsförderung'der Landeshauptstadt Stuttgart (sowie die 'Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH).

Den Vorstand bilden vier Herren, von der Deutschen Genossenschafts-Hypothekenbank AG, von Barth Immobilienmanagement & Beratung und von der Eurohyp AG, dem Immobilien-Journalisten Frank Peter Unterreiner sowie Frau Anke Stadelmeyer von Drees & Sommer GmbH. Ach ja, Drees & Sommer, das sind die Projektsteuerer der DB für "Stuttgart 21". Paßt doch.

Dieser Vorstand beruft seinerseits den "hochkarätig besetzten Beirat. Er besteht aus hochkarätigen Vertretern der Immobilienwirtschaft und deckt die Bandbreite der Branche ab. Der Beirat berät und unterstützt den Vorstand …"

Zitat (von Steffen Jüstel,Leiter HOCHTIEF Baden-Württemberg) : "Der IWS steht für eine lebendige, selbstbewusste und professionelle Immobilienwirtschaft." Und von H.-G. Wolfer, (Geschäftsführer von Wolfer und Goebel Bau- und Projekt GmbH) : "IWS, Interessen bündeln und der Immobilienwirtschaft eine Stimme geben, die gehört wird." ( Zumindest OB Schuster hat diese Stimme offenbar sehr deutlich vernommen und auch brav gehorcht . . . )

Hiergegen wäre ja nichts grundsätzliches einzuwenden, wenn nun nicht ausgerechnet auch Dr. Klaus Vogt, bzw. inzwischen wohl dessen Nachfolgerin im Amt, Ines Aufrecht von der Abteilung 'Wirtschaftsförderung' der Stuttgarter Stadtverwaltung und Dr. Walter Rogg von der 'Wirtschaftsförderung Region Stuttgart' Teile dieses "hochkarätigen" Beirats wären, neben Bankern, Chefs von Baufirmen, und u.a. Prof. Hensler, dem Vorsitzenden der Geschäftsleitung von Drees & Sommer.Kommunal-Angestellte als Teil dieses Interessenverbandes der Immobilienwirtschaft, welcher dann auch noch im Auftrag des OB's den städtischen Mitarbeitern die Hand führt !Und Hauptgesellschafter der 'Wirtschaftsförderung Region Stuttgart'mit 51% Anteilen ist der "Verband Region Stuttgart" der sich auf seiner Homepage u.a.so vorstellt :

"Der Verband ist die politische Ebene der Region Stuttgart in Form einer Körperschaft desöffentlichen Rechts…")

Im lobenden Nachruf auf den aus dem Amt geschiedenen Klaus Vogt, in dem vom bereits oben genannten Frank Peter Unterreiner herausgegebenen, "Immobilienbrief Stuttgart" vom 22.03.2011 wird erklärt, was man (jetzt frau) für diese Doppelfunktion vor allem benötigt :

"Der Wirtschaftsförderer ist für die Immobilienbranche neben dem OB und dem Baubürgermeister wohl die wichtigste Person im Rathaus. Seine Aufgabe ist es schließlich, ansiedlungswillige Unternehmen sowie Investoren in die Stadt zu holen. Als städtischer Angestellter einerseits und Interessenvertreter der Wirtschaft andererseits sitzt er zwischen den Stühlen, was Stehvermögen und ein breites Kreuz erfordert. Vogt hat beides. Zudem gilt er als immobilien- und marketingaffin, als Macher, als kritisch und durchaus unbequem, als sehr selbstbewusst und auch etwas eitel."

Und weiter : "Ohne Vogt wären einige Projekte nicht möglich gewesen – loben die Investoren Die Wirtschaftsförderung und insbesondere Vogt seien stets ein stabiler und verlässlicher Partner sowie eine wichtige strategische Verbindungsstelle zu politischen Entscheidungsträgern gewesen, lobt Jens Jäpel, Geschäftsführer ECE Devolopment. Speziell das Quartier am Mailänder Platz wäre ohne diese Unterstützung nicht möglich gewesen.

Frage an Vogt im Immobilienbrief :

In Stuttgart ist die Wirtschaftsförderung eine Stabsstelle. Andere Städte haben eine GmbH-Lösung gewählt und diese Gesellschaft sitzt gar nicht im Rathaus. Ist dies von Vorteil, kann die GmbH souveräner und freier agieren?

Vogt: Nein, absolut nicht! Ich bin dankbar, dass ich in meinem letzten Interview als Wirtschaftsförderer dieser Herzensangelegenheit ein bisschen Raum geben darf. Als langjähriger Vorsitzender der kommunalen Wirtschaftsförderer in Baden-Württemberg muss ich sagen: Das, was wir tun und was die GmbHs machen, ist nicht vergleichbar, weil wir direkt im System für die Investoren agieren können. Und wenn wir nicht unmittelbar das Vertrauen des OBs genießen, können wir da nicht erfolgreich sein. Wir sind Lotse durch die Verwaltung und wir sind auch Interessensvertreter von Investoren in der Verwaltung. Und je weiter man von der Verwaltung weg ist, umso uneffektiver ist man. Deswegen halte ich von einer GmbH gar nichts.

Und wird dann ganz deutlich : " … weil die Wirtschaftsförderung als Stabsstelle des Oberbürgermeisters über ihre eigenen Ressourcen hinaus auf Mitarbeiter zugreifen kann. Das ist ein Vorteil. Das heißt, unsere Durchschlagskraft leitet sich aus der Weisungsbefugnis ab, die der OB gegenüber allen im Rathaus hat."

Und seine Nachfolgerin, Frau Aufrecht, die "… selbstverständlich auch in ihrer anwaltlichen Tätigkeit Bauträger und Investoren in rechtlicher Hinsicht vertreten [hat] " , führt aus :

"Die Revitalisierung wird eines der Themen sein, die sicher in meiner Amtszeit sehr stark zum Tragen kommen. Aber es gilt auch, die momentan noch im Bau oder in der Bauplanung befindlichen Projekte weiter voranzutreiben. So habe ich zum Beispiel die Leitung für die Lenkungsgruppe ECE; insofern wird uns das als Wirtschaftsförderung stark beschäftigen."

Und : "Ich kann versichern, dass wir der Immobilienwirtschaft auch beste Dienstleistungen erbringen werden."

immobilienverlag-stuttgart.de/resources/Immobrief_78_2011.pdf

Na, dann kann ja nichts mehr schief gehen.

20:47 22.02.2012
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