„Nun hoch die junge Stirn, / Ins wilde Leben laß dich mächtig tragen!“

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Spät am Abend kommen wir an bei U., einer alten Freundin aus Studienzeiten, die der Liebe wegen zu Beginn der 70er Jahre nach Berlin/West geraten war. Es gibt Schnittchen, Rotwein und Erzählungen aus ihrem Alltag an einer Grundschule in einem sozialen Brennpunkt. Es wundere sie nicht, dass die Leute Sarrazin Recht geben.

Mein Neffe T. hatte vorgeschlagen, für ein paar Tage gemeinsam nach Berlin zu fahren, das er nicht kenne. Er müsse Überstunden abfeiern. Im Zug hatte T. von seinem Urlaub in Lloret de Mar erzählt, der voll dem Klischee ( Strand, Party, Schlafen ) entsprochen und ihm gut gefallen habe. Die Tage in Berlin würden bestimmt ganz anders, er liebe Kontraste.

In den nächsten Tagen laufen und fahren wir durch die Stadt und lassen uns treiben.

Wir nehmen an einer Führung durch Friedrichshain teil, erhalten viele Infos zu Geschichte und Gegenwart des Viertels. Uns gefällt der „Zuckerbäcker“-Stil der alten Stalinallee mehr, als wir zugeben mögen. Ich bin überrascht, wie viele Stilelemente und Denkansätze in das Konzept ihrer Architekten eingegangen sind. Bisher dachte ich, man habe einfach sowjetische Vorbilder übernommen.

Am Boxhagener Platz bekommen wir einen kleinen Imbiss in einem bulgarischen Restaurant. Wir hören von den Häuserkämpfen in der Mainzer Straße, damals 1990, und erfahren, dass der Stadtteil zur Zeit gentrifiziert werde.

Die Stimmung in der Gruppe ist angespannt, denn unsere Führerin, eine ältere Dame sächsischer Herkunft, die ihre Sache gut macht, ist sehr nervös. Ihre Chefin, eine junge Frau aus Hamburg, ist dabei und macht sich Notizen für das anstehende Personalentwicklungsgespräch. Erinnert mich an die Lehrproben meiner Referendarzeit.

Auf dem Weg zur Museumsinsel stehen wir unvermutet auf dem Hegelplatz. Ich widerstehe der Versuchung, nach der Hausnummer 1 zu suchen.

Auf der Rückseite des Pergamon-Museums sehen wir eine Aufführung der „Penthesilea“. Mir gefallen die Sprache Kleists, die Leistungen der Amateur-Schauspieler und die einfachen, suggestiven Mittel der Inszenierung. T. ist eher enttäuscht. Er habe schon nach 10 Minuten erkannt, um was es da gehe: den ewigen Kampf zwischen Männern und Frauen. Aber warum seien die Rollen der Titelfiguren mehrfach besetzt und warum fresse Penthesilea den Achill am Ende auf? Meine Erklärungsversuche überzeugen ihn nicht.

Wir geraten in ein leeres Edel - Restaurant. Um den Schaden zu begrenzen, entscheiden wir uns für zwei Original Berliner Currywürste mit Pommes, jeweils 11,50€, und eine Flasche Wasser ( 6,50€ ). Die Kellnerin ist amüsiert.

Wir suchen auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof nach Fritz Teufel, finden ihn nicht und sind erstaunt, auf das Grab von Johannes Rau zu stoßen. Schlicht und ohne staatstragende Bedeutsamkeit.

Während T. das KaDeWe besucht, sitze ich im Cafe, blättere im Katalog zur Ausstellung „Topographie des Terrors“ und finde auf S.214 eine Fotografie vom 13.Dezember 1941, die zeigt, wie jüdische Deutsche aus Ostwestfalen, Münster und Osnabrück im Hauptbahnhof Bielefeld einen Zug der Deutschen Reichsbahn besteigen, der sie in das Ghetto Riga transportieren wird.

Auf Empfehlung von U. besuchen wir die Liebermann-Villa am Wannsee. Das Grundstück am Wasser mit seinen rekonstruierten Gärten gefällt uns sehr. T. findet die Biographie Liebermanns "spannend". Deshalb suchen wir am nächsten Tag dessen Grab auf dem Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee auf. Wir erfahren, dass Käthe Kollwitz an seiner Beerdigung im Februar 1935 teilgenommen habe. Seine Frau habe sich 1943, 88 Jahre alt, das Leben genommen, kurz nachdem sie von den Behörden aufgefordert worden war, sich zur Deportation nach Theresienstadt bereit zu halten.

T. nimmt sich vor, zuhause mehr über Liebermann zu lesen.

Am „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ bitten uns Schülerinnen aus Madrid und ein altes Paar aus den USA, sie vor dem Stelenfeld zu fotographieren.

T. ist begeistert von einer Aufführung im Berliner Kriminal Theater: „Die zwölf Geschworenen“. „So soll Theater sein", sagt er.

Nach fünf Tagen kehren wir etwas erschöpft aus der Metropole in die Provinz zurück. Meine Frau holt uns am Hauptbahnhof ab. Wir treffen uns auf dem Vorplatz, neben dem Gedenkstein für die deportierten Juden der Region.

P.S. Der Titel zitiert Verse aus dem Gedicht „Auf der Fahrt nach Berlin“ von Julius Hart, der mit seinem Bruder 1877 seine Heimatstadt Münster verließ, um in der Hauptstadt Karriere als Dichter und Literaturkritiker zu machen. In der 6.Strophe heißt es:

Glashallen über uns, rings Menschenwirr'n, ...
Halt! Und »Berlin!« Hinaus aus engem Wagen!
»Berlin!« »Berlin!« Nun hoch die junge Stirn,
Ins wilde Leben laß dich mächtig tragen!

18:44 12.09.2010
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