„Werdet Helden“

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Auf dem Weg zum „Lichtwerk“ treffen wir späte Arminia-Fans, die der Alm entgegen streben. Unter ihnen M., der sein Unverständnis äußert, als ich ihm erkläre, wir zögen es vor, uns eine Komödie anzusehen. Wir verabreden uns nach Film und Fußballspiel auf ein Pils in der „Zwiebel“.

Im „Lichtwerk“ ist gegen 14:00 Uhr die Hälfte der Plätze besetzt. Gezeigt wird in einer Sondervorstellung „Sein oder Nichtsein“ von Ernst Lubitsch, eine Komödie aus Hollywood, 1942 gedreht. Weil gestern vor 119 Jahren der Regisseur geboren und heute vor 78 Jahren Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war.

Der Film zeigt, wie polnische Schauspieler um ihr Leben und das des polnischen Widerstands spielen – am Ende mit Erfolg: der Oberschurke der SS erschießt sich, ein Statist gibt den „Führer“ so überzeugend für die deutschen Besatzer, dass die Schauspieler mit dem Flugzeug des „Führers“ nach Schottland gelangen, und in der letzten Szene verlässt bei Hamlets Monolog im 3.Akt ein attraktiver junger Mann den Zuschauerraum. Und wir Zuschauer des Films wissen, dass nun der „berühmte Schauspieler“ Josef Tura, der Darsteller des Hamlet, und sein junger polnischer Rivale aus Warschau wissen, dass Frau Tura im englischen Exil einen neuen Verehrer gefunden hat.

Ich sehe den Film nun zum ersten Mal auf der großen Leinwand. Ich bemerke Details, die ich bisher nicht gesehen hatte, z.B. die Türen: Immerzu wird an Türen geklopft, werden Türen geöffnet und geschlossen. Hat das eine Bedeutung? Viele Vorzüge des Films fallen mir heute besonders auf: die ironische Brechung der potentiellen Heldengeschichte durch die Eitelkeit und Koketterie der Hauptfiguren, der pfiffige Plot, die schnellen, witzigen Dialoge, die Wiederholung als Stilmittel, die Kennzeichnung der Nazis als zynisch-intelligente oder brutale-einfältige-geile Idioten.

Das Publikum ist amüsiert, gute Unterhaltung am Sonntagnachmittag und außerdem politisch korrekt.

Meine Tochter, die wegen einer Beziehungskrise einige Tage bei uns wohnt und mich davon abgehalten hatte, zum Schicksalsspiel der Arminen zu gehen, sieht das anders. „Ich finde es problematisch, den Terror der Nazis in Polen als Komödie zu inszenieren. Es ist nicht richtig, den ‚Konzentrationslager-Ehrhardt‘ als Witzfigur darzustellen. Na gut, 1942 wusste man in Hollywood wohl noch nicht, was in der KZs wirklich passierte. Aber heute, mit dem Wissen über den Völkermord, kann ich darüber nicht lachen.“ Ich gebe zu bedenken, dass siebzig Jahre danach auch die Gewalt des Nationalsozialismus mit den Mitteln der Komödie dargestellt werden könne, ohne ihn damit zu verharmlosen. „ Du und ich, wir dürfen über die blöden Nazis lachen, das ist ein Vorzug unserer späten Geburt. Und der Lubitsch durfte das, weil er wusste, wie Komödien funktionieren und auch persönlich mit den Nazis ein Hühnchen zu rupfen hatte – als Jude und von den Nazis ausgebürgerter Deutscher.“ Meine Tochter ist nicht überzeugt.

In der „Zwiebel“ wartet M., deprimiert und schlecht gelaunt. Die Arminen hatten verloren, mieses Spiel, die als Retter verpflichteten neuen Spieler eine einzige Enttäuschung. Keine Hoffnung, nirgends. Und Ewald, der Retter, ohne Konzept. „Ihr habt euch den Lubitsch angesehen? ‚Sein oder Nichtsein‘? Toller Film, darum ging’s heute im Stadion auch. Leider mit tragischem Ausgang.“

Nach einer halben Stunde gehen wir. Auf dem Heimweg kommen wir an einem Plakat vorbei: „Werdet Helden“ – keine Werbung der Bundeswehr für ihre Freiwilligenarmee, sondern eine Kampagne des Vereins, mit der er die Mannschaft motivieren und die Fans zur Solidarität mit der Mannschaft anhalten will. Meine Tochter sagt: „Gelobt sei der Verein, der keine Helden braucht. Mir hat übrigens gefallen, dass der Lubitsch darauf verzichtet hat, seine Schauspieltruppe als Helden zu feiern.“ „Immerhin“, denke ich, „sie beginnt den Lubitsch zu verstehen.“

22:53 31.01.2011
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