Ach, das Leben!

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Die Vorbereitungen sind getroffen. Am Sonntag werden wir mit der Familie und wenigen Freunden unseren 40.Hochzeitstag und meinen 66.Geburtstag feiern. Es soll, sagen meine Frau und meine Töchter, eine kleine, ruhige Feier ohne viel Tamtam mit gutem Essen und behaglichen Erinnerungen werden. Das ist ganz in meinem Sinne, und ich verspreche, meine Kürbissuppe zu kochen und den Wein einzukaufen.

Aber bis dahin ist noch etwas Zeit. Genug Zeit, um über Lieblingsbücher, Hassbücher oder über Bücher, die an einen bestimmten Menschen oder an einen bestimmten Ort erinnern, nachzudenken. Ich nehme die Bücher von Lars Gustafsson aus dem Regal, die mir in den 70/80er Jahren wichtig gewesen waren, blättre in ihnen, lese einzelne Abschnitte und Sätze.

Im Roman „Der Tod eines Bienenzüchters“ bleibe ich stecken. Es ist die Geschichte von Lars Herdin: „in diesem Frühjahr 1975 findet er mitten in der Schneeschmelze heraus, daß er den Herbst nicht mehr erleben wird. Er hat ein tödliches Krebsgeschwür, das mit der Zeit, viel zu spät, in der Milz lokalisiert worden ist, mit starken Metastasen im umgebenden Gewebe.“

Der Roman rekonstruiert mit fiktiven Selbstzeugnissen das Sterben des Helden in den letzten Monaten zwischen Diagnose und Tod. Viele Sätze, die ich hier lese, beunruhigen mich heute mehr als damals, als ich sie zum ersten Mal gelesen hatte:

„Wenn ich mich unter den Menschen umsehe, die ich im Laufe meines Lebens kennengelernt habe: Lehrer, Freunde, Mädchen, Zufallsbekanntschaften, treue alte Gefährten, Verwandte, dann wird mir klar, daß ich keinen einzigen von ihnen, ich sage keinen einzigen, nicht einmal meine ehemalige Frau und auch nicht meine Geliebte, wirklich gekannt habe.“

„Habe den Hund zu den Olsons im Skrivar-Hof gegeben. Kurzer, eigentümlicher Abschied. Er hatte einen halben Käse als Abschiedsgeschenk bekommen, schien trotzdem irgendwie zerstreut und uninteressiert zu sein. Schleppte den Käse von einer Ecke des Zimmers in die andre. War unruhig, jaulte. Wird es gut haben.“

Nein, Gustafssons Roman kommt als „Lieblingsbuch“ nicht in Frage. Er passte besser unter die Überschrift: „Das Buch, das dich beim Wiederlesen mit unangenehmen Fragen konfrontiert hat“. Aber eine solche Kategorie gibt es nicht, wäre auch zu intim für ein Blog.

Meine Frau sagt: „Untersteh‘ dich, darüber zu schreiben. Sprich lieber mit mir über deinen ‚existentiellen Schrecken‘. Und überhaupt: Deine Bloggerei macht mir Sorgen. Du solltest es lassen.“

Der Zufall will es ( ich schwöre: der Zufall ), dass ich am Nachmittag im Freibeuter 35 ( 1988 ) in einem Gedicht von Heinz Czechowski ( Erinnerungen an das Leben ) diese Verse lese:

„Unsere einzige Arbeit:

Erinnerungen aufs Papier bringen, Stationen

Gelebteren Lebens, dem Flüchtigen

Einen Namen zu geben.

Es ist mir ziemlich egal geworden,

Was die Klassizisten unter uns über mich denken,

Ohne Bitterkeit,

Doch nicht ohne Furcht,

Sehe ich das Alter

Die Schwelle betreten.“

O.K., ich nehme mir also vor, meinen Geburtstag am Sonntag mit der Familie und wenigen Freunden ohne viel Tamtam mit gutem Essen und behaglichen Erinnerungen zu feiern.

12:59 21.10.2010
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lausemaedchen | Community