Alte Freundin

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Neulich traf ich nach langer Zeit in der Stadtbahn auf G., eine alte Freundin, die ich vor fast vierzig Jahren in einem Seminar über spätmittelalterliche Minnelyrik kennengelernt hatte und die in den 90er Jahren als Ministerin meine oberste Dienstherrin gewesen war. G. trug ein schickes rotes Kostüm, wirkte gut erholt und hatte Zeit. Sie lud mich spontan auf ein Bier in den Irish Pub am Rathaus ein.

Nach dem Austausch von Neuigkeiten über unsere Familien und von Klagen über die beschissene politische Lage wandte sich das Gespräch der Pädagogik zu. Sie habe gerade für eine Wochenzeitung eine längere Abrechnung mit der Reformpädagogik geschrieben. Das sei nach dem Skandal um die Odenwald-Schule dringend notwendig gewesen und werde sie in der einschlägigen Szene sicher nicht beliebter machen. Da hatte sie Recht. Vor wenigen Tagen war meine Frau mit der Nachricht nach Hause gekommen, G., ( „deine alte Freundin“) habe ein „wüstes Pamphlet“ gegen die Reformpädagogik veröffentlicht, gegen das man schärfsten Widerspruch einlegen müsse. Ich war ihrer Aufforderung, das mal im Internet nachzulesen, aus Bequemlichkeit nicht gefolgt, und wollte nun das unverhoffte Wiedersehn mit G. dazu nutzen, ihren Standpunkt kennenzulernen. Unser Gespräch war lebhaft und verlief in seiner Endphase ungefähr so:

„Du gehst in deiner Abrechnung ziemlich rabiat mit der Reformpädagogik um. Warum?“

„Was haben wir uns nicht alles anhören müssen! Wir, das sind die ganz normalen Lehrerinnen und Lehrer , die in ganz normalen Schulen in der Regel gern arbeiten, wir als Schulleiterinnen und Schulleiter, die wir systematisch, engagiert und manchmal zähneknirschend die öffentlichen Schulen weiterentwickeln, auch wir Bildungspolitikerinnen und Bildungspolitiker, die auf Qualitätsentwicklung und Lernstandards setzen.“

„Na gut, die Überheblichkeit von Reformpädagogen nervt mich auch, aber ihre Kritik an der Staatsschule ist in mancher Hinsicht berechtigt ist, z.B. die Kritik an der Fixierung auf sog. Kompetenzen oder das ewige Evaluieren.“

„Antistaatliche Affekte wurden mobilisiert gegen die »verwaltete Schule«, eine Schulaufsicht wurde per se als unpädagogisch wahrgenommen, Gleiches galt für fachliches Lernen, Lehrer an Regelschulen waren empathielose Vollstrecker unmenschlicher Fachvorgaben und Handlanger staatlicher Repression. Regelhaftigkeit und Grenzziehungen wurden als Ausfluss autoritärer Gesinnung diskreditiert. Und weil es um Kinder und Jugendliche ging, musste Wärme, Zuwendung und Liebe im Vordergrund stehen und nicht kalte Sachorientierung.“

„Das hört sich bei dir wie eine tiefe Verwundung an. Du könntst doch ganz gelassen sein, denn der Einfluss der Reformpädagogik auf die Regelschule ist doch gleich Null. Mein Schulleiter z.B. ist stolz darauf, dass er keine Kontakte zur Laborschule und zum Oberstufenkolleg hat.“

„Große Fragmente der Reformpädagogik sickerten in den Alltag der Lehrerbildung, in Richtlinien, Lehrpläne, politische Programme und Schulversuche aller politischen Richtungen ein. Die Schulaufsicht reagierte zunehmend unsicher, zumal die Reformpädagogen ihre Praxis als politisch korrekte Antwort auf die Pisa-Ergebnisse reklamierten. Dabei wurden Mythen mit dem Nimbus von Wissenschaftlichkeit verkleidet; jenseits der unterschiedlichen Strömungen aber wurden die zugrunde liegenden Lehren zur Norm, man schaue sich die Preise und Wettbewerbe an, die auf dem Markt sind – bis hin zum Deutschen Schulpreis werden Kriterien der sogenannten Reformschulen angelegt. Da ist vom Lehrer gesteuertes Lernen verpönt und selbsttätiges Lernen prinzipiell besser, obwohl die Bildungsforschung längst und wiederholt nachgewiesen hat, dass beides erforderlich ist.“

„Das klingt nach Verschwörungstheorie. Wenn die Konzepte der Reformpädagogik deiner Meinung nach so falsch sind, welche Konsequenzen müssten Staatsschule und Reformschulen aus diesem Irrtum ziehen?“

„Die Schule darf die Unterscheidung von Privatheit und öffentlicher Institution nicht aufheben. Es ist eine ihrer wichtigen Aufgaben, Kindern und Heranwachsenden diese Unterscheidung zu vermitteln. Sie war ein wesentlicher Fortschritt des bürgerlichenZeitalters und darf durch einen Rückfall in Sozialromantik nicht gefährdet werden. Die Schule ist eine diesseitige Veranstaltung, sie muss diesseitig legitimiert, verantwortet und auch kontrolliert werden. Gläubige sollten sich ans Jenseits halten.“

Das Stichwort „diesseitige Veranstaltung“ erinnerte uns daran, dass wir noch Lust auf ein weiteres Guinness hatten, wir bestellten und sprachen in der nächsten Stunde über Gott und die Welt. Irgendwie war ich froh, die Diskussionen um die gute Schule seit Jahresbeginn mit einiger Gelassenheit von außen betrachten zu können.

Als ich meiner Frau am Abend von meiner Begegnung mit G. erzählte, sagte sie. „Wir sollten sie und R. mal wieder zum Essen einladen. Du kochst, das ist Strafe genug.“

P.S. Die kursiven Textteile sind Auszüge eines wirklichen Textes einer wirklichen Ex-Ministerin in einer wirklichen Wochenzeitung.

12:20 01.11.2010
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