Am Grab einer alten Leitfigur

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Camus war mir in den 60er Jahren wichtig gewesen, bevor später dann andere Autoren aus Philosophie und Literatur seine Rolle als Leitfigur übernahmen. Jedoch hatte ich die ersten Sätze aus „Der Mythos des Sisyphos“ nicht vergessen:

„Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie.“ ( Hamburg 1959, S. 1 )

Nun hatte uns ein Zufall an das Grab von Albert Camus geführt. Es war auf dem kleinen Friedhof von Lourmarin nur deswegen einfach zu finden gewesen, weil die Verwaltung am Eingang mit einer dezenten Skizze die Lage der Grabstelle gekennzeichnet hatte. Die anderen Grabstellen, meist Familiengräber von Bauern und Handwerkern, waren größer und prächtiger. Keine anderen Menschen, nur wir.

Auf dem schmalen Grab zwei Steine. Auf dem einen die Inschrift:

Albert Camus

1913 - 1960.

Auf dem anderen:

Madame

Albert Camus

Nee

Francine Faure

1914 – 1970

Feldsteine umfassten beide Grabstellen. Sie waren mit niedrigen Stauden eng bepflanzt. Auf beiden Gräbern stand ein Strauß mit blühenden Frühlingsblumen. Wir waren bewegt von der Bescheidenheit des Ortes und dem Verzicht auf tröstende Verse.

Später fand ich zuhause im Regal die alte Taschenbuchausgabe des „Sisyphos“ aus "Rowohlts deutscher Enzyklopädie“ ( las mit einiger Rührung meinen handschriftlichen Vermerk „Okt. 1960“ ) und stieß auf S.76 auf diese Typologie der Friedhöfe:

„Am Ende von alledem steht, trotz alledem, der Tod. Wir wissen es. Wir wissen auch, daß er allem eine Grenze setzt. Deshalb sind diese Friedhöfe, die Europa bedecken und die manche von uns stören, scheußlich. Man verschönt nur, was man liebt, und der Tod ist uns zuwider und ermüdet uns. ( … ) Andere, die sich auch nicht abfinden wollen, haben die Ewigkeit gewählt und verkündet, diese Welt sei eine Illusion. Ihre Friedhöfe lächeln unter lauter Blumen und Vögeln.“

23:35 06.10.2010
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