Aufstieg und Fall meiner Herrschaft über die Cousinen

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Ich war der Held meiner Cousinen, von Annegret, Ulla, Annelie, Bärbel, Elke, Sigrid und Annette, jedenfalls eine Zeitlang, ungefähr bis zu meinem 18.Lebensjahr, als ich unser Dorf verließ, um in der großen weiten Welt ein Soldat zu werden und dann ein Student.

Ich war der einzige Junge und das älteste Kind im Clan und wurde von Mutter und Tanten verwöhnt. Bei Familiengeburtstagen war ich der Präsident im Kinderzimmer und bekam als erster den Pudding. Als ich lesen gelernt hatte und meinen Cousinen vorlesen konnte, wuchs meine Popularität; allerdings kam es zu ersten Konflikten, denn was ich vorlas, vor allem aus Gustav Schwab, Sagen des klassischen Altertums“ – einem Geschenk meiner kinderlosen Tante Tata, die bildungsbürgerliche Ambitionen hatte und Mitglied im Bertelsmann-Lesering geworden war - , entsprach nicht immer ihrem Geschmack: „Lies doch mal was von Mutter und Kind!“.

Dann gelangte ich zum Gymnasium. Meine Cousinen blieben zurück, sie durften später die Realschule besuchen. Ich lernte Latein und Griechisch und konnte sie noch eine Weile mit Versen von Homer und mit den Stammformen unregelmäßiger Verben beeindrucken. Wenn ich Fußball spielte ( Linksaußen ), waren sie da und feuerten mich an. Wenn ich bei den CVJM – Kreismeisterschaften um den Titel im 800m – Lauf rannte, sorgten sie mit Apfelsaft dafür, dass ich nicht austrocknete, und sie trösteten mich, wenn ich verlor. Mit 12 oder 13 begann es schwieriger zu werden, meine führende Rolle im Clan zu verteidigen. Annegret schlug mich im Tischtennis und Annelie, die im Nachbarort, der eine Badeanstalt hatte, lebte, konnte früher schwimmen als ich.

Mein letzter Triumph war das Abitur. Die Familie war stolz. Mein Opa zog seinen Anzug an und führte mich seiner Verwandtschaft im ehemaligen Königreich Hannover , knapp hinter der Landesgrenze , vor. Es gab Welfenpudding. Die Cousinen schmollten.

Ich verließ Ostwestfalen, und der Kontakt zu den Cousinen wurde lockerer. Ulla besuchte mich in Hamburg und ich führte sie aus in den Star-Club: Spencer Davis Group. Elke fragte mich um Rat, wie sie der Familie plausibel machen könne, dass sie einen Jamaicaner liebe ( die Familie blieb reserviert und wurde erst enthusiastisch, als das schöne braune lockige uneheliche Enkelkind zur Welt kam ). Annette hatte sich in einen Berliner verliebt und wollte von mir, dem Berlin-Experten der Familie, wissen, wie gefährlich es sei, in der Exklave Steinstücken zu leben.

In den nächsten Jahrzehnten lebten die Cousinen ihr Leben, und ich lebte meins.

Im neuen Jahrhundert sahen wir uns wieder häufiger auf den Beerdigungen unserer Väter, Mütter, Onkel und Tanten.

Demnächst treffen wir uns alle in Bielefeld. Ich werde kochen, und am Abend gehen wir ins Theater: „Männerbeschaffungsmaßnahmen“.

10:56 05.11.2010
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