B. dekonstruiert ein Gedicht

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Mitte der 8oer Jahre erklärte mir meine Tochter B., die damals gerade lesen gelernt hatte, beim Frühstück am Sonntagmorgen, warum dieses Gedicht, das sie auf einem Blatt in meinem Arbeitszimmer gefunden hatte, „irgendwie komisch“ und noch „gar nicht fertig“ war:

Rolf Dieter Brinkmann

Einen jener klassischen
schwarzen Tangos in Köln, Ende des
Monats August, da der Sommer schon

ganz verstaubt ist, kurz nach Laden
Schluß aus der offenen Tür einer

dunklen Wirtschaft, die einem
Griechen gehört, hören, ist beinahe

ein Wunder: für einen Moment eine
Überraschung, für einen Moment

Aufatmen, für einen Moment
eine Pause in dieser Straße,

die niemand liebt und atemlos
macht, beim Hindurchgehen. Ich

schrieb das schnell auf, bevor
der Moment in der verfluchten

dunstigen Abgestorbenheit Kölns
wieder erlosch.

( Rolf Dieter Brinkmann, Westwärts 1&2, Gedichte. Reinbeck 1975 )

„Ich glaube, der, der das geschrieben hat, hat noch nicht viele Gedichte geschrieben. Der macht gar keine Reime und eine Überschrift fehlt auch. Und ich verstehe nicht, worum es geht. Einer geht durch Köln, es ist heiß und er hört was. Was ist eigentlich Tango? Eine Musik? Na gut. Aber warum schreibt er das auf? Und Köln ist doch gar nicht gestorben.“

Als ich am Nachmittag meinen Unterricht vorbereitete, entschied ich, das Gedicht am Montag nicht im Deutschunterricht einer 10.Klasse zu besprechen. Ich fürchtete, dass es mir nicht gelingen würde, ihnen die Poesie und ästhetischen Mittel dieser Verse plausibel zu machen, und hatte deswegen eine Zeitlang das Gefühl, als Pädagoge versagt zu haben. Brinkmann gehörte in den 70er Jahren zu meinen Lieblingsautoren, und das sollte auch so bleiben.

In der FR stellte vor einigen Tagen ein Journalist Brinkmanns Gedicht als sein Lieblingsgedichtvor. Er begründete das mit ziemlich intelligenten Anmerkungen zu Inhalt, Sprache und Form der Verse, vor allem aber damit, dass Brinkmann und seine Gedichte zu seinem Glück nie Gegenstand des Deutschunterrichts gewesen seien. Ich erinnerte mich meiner Niederlage von damals und atmete für einen Moment auf.

10:27 08.10.2010
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