Die Sache mit N.

Bildung für alle In der Ferienschule lernte ich N. kennen, der christliche Ritter und das Bahnfahren liebt und heute fehlte.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

N. kam nicht, seine Mutter war nicht da oder öffnete nicht. Ich schellte bei Nachbarn, aber die reagierten nicht oder erklärten, sie wüssten von nichts oder verstünden nicht, was ich wollte. Ich fuhr zurück in die Stadt in die Wohnung des Vereins „Initiativen gegen die Bildungsarmut“ und versuchte mir zu erklären, was mit N. los war.

N. ist eines von 11 Kindern im Grundschulalter, die B. und ich und drei Studentinnen während einer Ferienschule betreuen. Die Kinder zwischen 6 und 10 Jahren kommen aus Einwandererfamilien, viele besuchen eine Förderschule und einige leben mit ihren alleinerziehenden Müttern. Die Familie von N. kommt aus Rußland. Der Vater ist Monteur, nur an den Wochenenden zuhause, seine Mutter ist Analphabetin, die kleine Schwester ist drei.

N. ist neun, ein schlanker, dunkelhaariger, aufgeweckter Junge. In der Gruppe markiert er den coolen Draufgänger, der keinem Streit mit seinen Konkurrenten um die Führungsposition aus dem Weg geht. Auf unseren Fahrten morgens und nachmittags zwischen der Wohnung der Eltern und den Orten unserer Expeditionen lernte ich seine andere Seite kennen:

Er bat mich, nach dem Schellen noch eine Weile zu warten, denn er müsse, wenn es schelle, erst nochmal schnell aus Klo; er schwimmt gern und liebt es, mit seinem Vater zu tauchen, wenn der am Wochenende bei ihnen sei; er bewundert die Kreuzritter, die im Mittelalter für die Christen in den Kampf gegen die Muslime gezogen seien, denn seine Familie sei evangelisch, in einer Freikirche.

Am besten hatte N. die erste Woche gefallen, als unsere 11 Kids an einem Projekt der Musik- und Kunstschule der Stadt teilgenommen hatten, in dem es darum ging, das Leben in einer mittelalterlichen Burg zu recherchieren und ihre Ergebnisse mit den Mitteln des szenischen Spiels, mit Bildern und Musik zu präsentieren. N. hatte den Schild eines Ritters gebastelt und bemalt und mit einem Kumpel den Zuschauern - vor allem Müttern der bildungsbürgerlichen Kinder, die mit ihrem SUV vorgefahren waren -, erklärt, warum Ritter ohne Schild keine Chance auf ein langes Leben hatten.

Gestern auf der Rückfahrt nach Hause hatte er gesagt, dass ihn der Besuch der Stadtbibliothek heute Vormittag nicht interessiere. Bücher finde er langweilig. Er finde es besser, wenn wir noch einen Tag im Historischen Museum der Stadt machten, zum Beispiel der Bahnhof der ersten U-Bahn in Bielefeld, der sei Klasse. Überhaupt hätten wir nicht mit meinem alten Auto, sondern mit dem Regionalexpress in die Stadt fahren sollen.

Keine Ahnung, was heute mit N. los war. Niemand ging ran, wenn ich die Handy-Nummer der Mutter wählte. Seinen Ausweis für die Stadtbibliothek habe ich mitgenommen.

Ich hoffe, er wird morgen um acht vor dem Haus auf mich warten. Es ist der letzte Tag der Ferienschule. Wir wollen zusammen frühstücken, die letzten Fotos von unseren Unternehmungen ins Album kleben und darüber reden, was wir in den Herbstferien gemeinsam machen könnten.

00:06 20.07.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 3