Dissertation oder Wurzelspitzenresektion

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Heute Morgen im Wartezimmer des Zahnarztes. Neben mir ein Mann und eine Frau meines Alters, offensichtlich ein Ehepaar. Sie blättern stumm in ihren Zeitschriften, in „Für Sie“ der Mann, im „Focus“ die Frau.

Ein junger Mann kommt aus dem Behandlungszimmer. Während er seinen Mantel anzieht, murmelt er: „Lieber eine Dissertation in Bayreuth als eine Wurzelspitzenresektion in Bielefeld.“

Der Ehemann schaut auf und sagt: „Er hat sich aber sieben Jahre lang Mühe gegeben. Und jetzt muss er auch noch die Trauerrede für die toten Soldaten halten.“ Seine Frau unterstützt ihn: „Seien Sie nicht so weinerlich. Und nicht so kleinkariert. Der Mann tut sein Bestes.“

Der junge Mann hält sich die Backe und geht. Mann und Frau schauen sich zufrieden an. Ich schweige, denke kurz über die Gründe für die Popularität unseres Ministers nach, komme zu keinem befriedigenden Ergebnis und konzentriere mich auf die bevorstehende Gerüsteinprobe meiner Freiendbrücke.

Später im Cafe lese ich in der Frankfurter Rundschau Sätze, die mir klug erscheinen:

„Nur bei Guttenberg gebe es dieses eigentümliche Phänomen, dass die Unterstützung der Öffentlichkeit wachse, je mehr die politische und mediale Szene von ihm abrücke. Viele Menschen sähen in den Attacken so etwas wie die Rache des Mittelmaßes an einem, der einfach besser und so viel populärer sei als sie selbst.“

15:24 22.02.2011
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