Ein Geburtstagskind

Helmut Schelsky Was macht aus einem überzeugten Nationalsozialisten einen überzeugten Bundesrepublikaner?
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Am Morgen hörte ich im Radio, dass vor genau 100 Jahren der deutsche Soziologe Helmut Schelsky geboren worden sei. Ich erinnerte mich an Bücher, deren Titel („Die skeptische Generation“, „Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft“) zu populären Schlagworten geworden waren, an den gescheiterten Gründungsrektor der Universität Bielefeld und an den konservativen Publizisten, der in den 70ern Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen attackierte.

Später las ich im Internet über Schelsky und stieß dabei auf ein Zitat des jungen Mannes aus dem Jahr 1934:

Wahrer Sozialismus ist es, Leute, die für das Volk ihre Leistung nicht erbringen oder es gar schädigen, auszuschalten oder sie sogar zu vernichten. Eine sozialistische Tat ist so zum Beispiel die Unfruchtbarmachung von unheilbar belasteten Menschen oder die Erziehung einer Presse, die ihre Aufgabe für die Volksgemeinschaft nicht erfüllt, durch Zensur.

Der junge Schelsky promovierte, habilitierte sich, bekam Professuren in Budapest und Straßburg und kämpfte in den letzten Monaten des 2.Weltkriegs an der Ostfront.

Nach dem Untergang seines nationalen Sozialismus kam seine Karriere bald wieder in Fahrt: Zahlreiche empirische Untersuchungen begründeten seinen Ruf als führender Soziologe der frühen Bundesrepublik, in Bildungspolitik (Bielefeld) und Berufungspolitik (Luhmann) mischte er eine Zeitlang erfolgreich mit. Zuletzt machte er als Kritiker des sozialliberalen Zeitgeistes von sich reden.

Der Mann begann mich zu interessieren. Wie wurde aus einem überzeugten Nazi ein überzeugter Bundesrepublikaner?

Eine mögliche Antwort fand ich bei Clemens Albrecht: „Konversion durch Systemwechsel“. Diesen Typus der ideologischen und politischen Neuorientierung beschreibt der Soziologe so:

Sie ist …nicht das Produkt individueller Erfahrung, sondern überkommt den Einzelnen als Kollektivschicksal: Auf einmal ist alles anders, gilt die herkömmliche Lebenswelt mit ihren Glaubensvorstellungen und Bindungen, ihren Werten und Strukturen nichts und der Mensch ist gezwungen, sich innerlich wie äußerlich in einer neuen Welt neu zu orientieren.“

Albrechts Pointe ist: Er zeigt, wie der vorauseilende Gehorsam gegenüber wechselnden Machthabern und Systemen in der Soziologie Schelskys dazu führt, dass die in empirischen Untersuchungen ermittelte, besser: konstruierte soziale Realität hypostasiert wird – jede Kritik an ihr wird als ideologisch zurückgewiesen.

Bei meinen Recherchen im Internet stieß ich dann auf einen Mann aus Schelskys Jahrgangs 1912, dessen Biographie dafür spricht, dass Konversion durch Systemwechsel kein Schicksal ist:

Jean Amery - Emigrant, Häftling in Auschwitz, nach der Befreiung Journalist. Der schrieb: „Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden auf dieser Welt“ und beging 1978 Selbstmord.

Amery wird am 31.Oktober 100 Jahre alt. Es wäre nur gerecht, wenn das Radio an seinen Geburtstag erinnerte.

Clemens Albrecht, Gefundene Wirklichkeit. Helmut Schelsky und die geistige Physiognomie politischer Konversion. In: Sonja Asal / Stephan Schlak (Hrsg.), Was war Bielefeld? Eine ideengeschichtliche Nachfrage. Göttingen 2009, S. 64ff

13:27 15.10.2012
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