Jahrestag

26. Mai 1975 Vor 39 Jahren erlebte Kemal (30) mit Füsun (18) den glücklichsten Moment seines Lebens. Aber das Leben ist keine Matratze in einem Hinterzimmer mit Blick auf den Bosporus
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Am Montag, dem 26. Mai 1975, gegen Viertel vor drei waren wir von Schuld und Sünde, von Reue und Strafe errettet, und in der Welt waren die Gesetze von Zeit und Schwerkraft aufgehoben. Ich küsste Füsuns von Hitze und Liebesspiel errötete Schulter, umarmte das Mädchen von hinten, drang in sie ein und knabberte an ihrem linken Ohr, wobei ihr Ohrring sich löste, kurz in der Luft zu verharren schien und dann herunterfiel. Wir waren so selig, dass wir den Ohrring, auf dessen Form ich damals nicht achtete, gar nicht bemerkten und uns weiter liebkosten.

Der Ohrring ist einer der Gegenstände, die der Autor Orhan Pamuk in seinem Museum der Unschuld in der Altstadt von Istanbul ausstellt. Es zeigt auch eine Darstellung der inneren Organe, mit der damals die Apotheken für das Schmerzmittel Paradison warben und mit dessen Hilfe der Ich-Erzähler des Romans seinen Liebesschmerz anatomisch verortete:

Dem Leser wiederum, der mein Museum nicht sehen kann, sei gesagt, dass Hauptausgangspunkt des Schmerzes der linke obere Teil meines Magens war. Wenn der Schmerz zunahm, verbreitete er sich – wie auf der Abbildung zu sehen – und zog in den Hohlraum zwischen Brust und Magen hinein und beschränkte sich dann auch nicht mehr auf die linke Körperseite… Vom Magen aus arbeiteten sich Säuren in den gesamten Bauchraum vor, und an allen inneren Organen hatten sich klebrige, scharfe kleine Seesterne verfangen. Der Schmerz nahm an Volumen und Intensität zu, erfasste meine Stirn, meinen Nacken, meinen Rücken, meine Visionen, alles, und erstickte mich fast. Manchmal sammelte er sich – wie auf der Abbildung ersichtlich – sternförmig um meinen Bauchnabel herum, würgte sich wie eine brennende Flüssigkeit bis zu meiner Kehle und zum Mund empor, ließ mich in panischer Angst fast umkommen und strahlte dann in den ganzen Körper aus, bis ich nur noch wimmerte…

Und nun weiter zu den gesellschaftlich relevanten Blogs.

Orhan Pamuk, Das Museum der Unschuld. 2. A. Frankfurt/M. 2012 (TB) 11€

17:28 23.05.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 5

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community