Auftakt mit Poesie

Lieber Hölderlin Gute Vorsätze, brillante Bilder und Notizen vom Chefhypochonder
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Heute Vormittag in der Schlange vorm Bäcker in der Bahnhofshalle traf ich N., der noch müde war von Sylvester, den er mit seinen Kumpels in der „Zwiebel“ gefeiert hatte, und zerknirscht. Das sei das letzte Mal, dass er sich zu Tischfußball, Bier und Bommerlunder in der letzten Nacht des Jahres habe verführen lassen; demnächst werde er auf Einladungen dieser Art so antworten, wie Luhmann es getan habe, wenn Kollegen ihn von seiner „Theorie der Gesellschaft“ fortlocken wollten: „Ich lese Hölderlin.“

Da mischte sich der beste Lyriker der Stadt ein, der hier auch seine Brötchen holte. Er machte uns aufmerksam auf die poetische Potenz des Bahnhofsvorplatzes, der aussehe wie "ein Teller Milchreis mit Zimt" ; überhaupt diese Zeit zwischen den Jahren, diese Tage, die nicht leben wollen und nicht sterben / die zerrieben werden zwischen Bäuchen und Bräuchen."

Wir lobten (denn wir wollten so früh im Jahr noch keinen Streit) die "Brillanz" seiner Bilder, wünschten einander ein gutes Jahr und begaben uns mit unseren Bio-Röggelchen nach Hause.

Dort las ich B. bei Orangensaft, Brötchen, Ei und grünem Tee Verse von Rühmkorf vor, die mir im letzten Jahr so gut gefallen hatten:

Früher, als wir die großen Ströme noch

mit eigenen Armen teilten,

O b, L e n a, J e n n i s s e i, M i s s o u r i,

M i s s i s s i p p i, E l b e, O s t e,

und mit Gesang den Hang raufgezogen

und mit Gesang auch wieder herab,

immer den Augen hinterher und Hyperions

leuchtenden Töchtern,

des Tages Anbruchs Röte

und des Mondes Aufzugs Beginn -

H e u t e: drei Telefongespräche und der Tag ist gelaufen.

Nichts da, sagte B., gleich machen wir den Abwasch und treffen uns dann mit den K.s zur Radtour um den See. 2014 wird das Jahr des aktiven Lebens, viel Bewegung und ehrenamtliche Tätigkeit, keine Zeit mehr für selbstreferentielle Blogs. Ich klappte den Rühmkorf zu und nickte.

14:23 01.01.2014
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