Familienbande

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Um sechs Uhr aufgestanden und Schnee geschippt. Treffe auf der Straße Frau S., die mir berichtet, dass ihr Mann heute Nacht ins Hospiz eingeliefert werden musste. Die Ärzte meinten, dass er in den nächsten Tagen sterben werde. Bin verlegen und ratlos. Biete ihr an, in den nächsten Tagen für sie Bürgersteig und Garagenvorplatz vom Schnee zu räumen. Sie bedankt sich und weint.

Um sieben Uhr mit meiner Frau gefrühstückt. Lesen die Lokalzeitung. Auf der Titelseite die Schlagzeile: „Das Wunder von Bethlehem“. Eine junge Journalistin berichtet über ihren Besuch in der Geburtsstadt Jesu Christi und ist schwer beeindruckt von der Aura des Ortes. Sie bedauert, dass ihr „antiautoritäres, aufgeklärtes Elternhaus“ sie als Kind „von allen kirchlichen und christlichen Einflüssen“ ferngehalten habe. Ich mokiere mich über die "Neue Westfälische“, die offenbar mit dieser kitschigen und reaktionären Weihnachtsgeschichte dem neuen bürgerlichen Zeitgeist Tribut zollen wolle. Meine Frau erinnert sich daran, dass unsere Töchter als Kinder einmal verlangten, dass wir „wie die anderen Eltern auch“ zu Weihnachten einen Tannenbaum aufstellten. Außerdem habe die NW wohl mehr von Weihnachten verstanden als der FREITAG mit seiner geschmacklosen „Weihnachtsnummer“.

Um acht Uhr meldet sich der Schwager aus K. im Rheinland und teilt mit, dass er wegen des Schneechaos bei der Bahn heute nicht nach Bielefeld kommen könne.

Um acht Uhr dreißig meldet sich die Schwägerin aus H. im Ruhrgebiet und teilt mit, dass sie nach der Absage ihres Mannes ( der sich im Frühjahr von ihr und den Kindern getrennt hatte ) keinen Grund mehr sehe, mit Kindern und Hund den beschwerlichen Weg nach Bielefeld auf sich zu nehmen. Es zeige sich eben immer wieder, dass der Schwager ein Mann sei, auf den man sich nicht verlassen könne. Meine Frau beschwichtigt sie und schlägt vor, dass die Familie vielleicht gemeinsam bei uns Sylvester feiern könne, wenn das Wetter es erlaube.

Gegen zehn Uhr meldet sich unsere Tochter B. und teilt mit, dass sie wegen der Zustände auf den Straßen die Absicht, die Schwiegereltern in Ostfriesland am Heiligen Abend zu besuchen, aufgegeben hätten, und fragt an, ob sie mit Mann und Kindern heute nicht bei uns feiern könne. Wir freuen uns, denn wir waren eigentlich noch nie am Heiligabend allein.

Als ich gegen elf Uhr von meiner zweiten Räumungsaktion zurückkehre, berichtet mir meine Frau, dass unsere Tochter C. angerufen und mitgeteilt habe, dass sie wegen der Zustände auf den Straßen…und angefragt habe, ob sie nicht mit Mann und Kind …Sie habe natürlich zugesagt. Das Essen reiche aus, aber es gebe ein Problem: Die Enkelin wünsche sich so sehr einen Weihnachtsbaum. Ob ich nicht auf die Schnelle einen Baum beim Bauern in N. besorgen könne, Schmuck könnten wir von Nachbarn bekommen, das habe sie schon geregelt, und den Baum schmücken, das mache sie.

Seit einer Stunde bin ich mit dem Weihnachtsbaum zurück, wir haben ihn zusammen aufgestellt ( dabei dachte ich an meinen Vater, der mit dieser Aufgabe jeden Heiligabend fast überfordert war ), und meine Frau ist dabei, ihn zu schmücken. Am frühen Abend wird es voll und laut bei uns werden.

„Das Wunder von Bethlehem“ hat auch seine guten Seiten.

14:50 24.12.2010
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