Familientherapie auf Schalke

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Nach dem Abpfiffgehörte ich zu den 50000, die sich von ihren Sitzen in der Veltins-Arena erhoben und der Mannschaft applaudierten. Mein Nachbar, ein Handwerksmeister aus Hamm in der Kluft der blau-weißen Fans, umarmte mich, schlug mir wohlwollend auf die Schulter und schrie mir zu, ab sofort werde er auch die Bielefelder Arminen in sein Herz schließen, die seien ihm immer noch lieber als der Scheiß-BVB ( gegen den hatte sein Verein zuhause gerade 1:3 verloren ).

Der Familienrat hatte mich dazu verdonnert, meinen Neffen T. und seine mittlerweile getrennt lebenden Eltern zu begleiten, in der Hoffnung, dass gemeinsam erlebte Events den familiären Zusammenhalt verbessern könnten. Ich hatte zugesagt, des guten Zweckes wegen und weil ich neugierig war, ein Spiel der Champions-League und die Veltins-Arena ( 2001 eröffnet, Kosten 191 Mio € ) zu sehen.

Mein Herz hatte nie für S04 geschlagen, obwohl Oppa Kühn, den der Krieg aus dem Ruhrgebiet in mein ostwestfälisches Dorf verschlagen hatte, mir, dem Kind von 5,6 Jahren, viel von Ernst Kuzorra und Fritz Szepan erzählt hatte und vom letzten Fußballspiel auf Schalke im Krieg, wenige Tage vor meiner Geburt im Oktober 1944, das er persönlich gesehen habe.

In den 50ern war ich ein Anhänger des 1.FC Kaiserslautern ( die Walters, Liebrich ) und später in den 70ern ein Fan von Borussia Mönchengladbach ( Weisweiler, Netzer, Hacki Wimmer, Lefevre ) geworden.

In den letzten Jahren hatten mich die Funktionäre und der Hauptsponsor von S04 abgestoßen: Jürgen Möllemann ( FDP, Fallschirmspringer ), die Brüder Tönnies ( Fleisch-Unternehmer aus Ostwestfalen, die ihren polnischen Schlachtern Billiglöhne zahlten und eine „Deutsche Zerlegemeisterschaft“ für Kinder und Jugendliche veranstalteten) und Gazprom, der russische Energiekonzern mit Nähe zu Politik und Mafia.

Von Block 13 unterm Dach hatten wir aus großer Distanz zum Spielfeld einen leicht surrealen Panoramablick und sahen ein ansehnliches Fußballspiel mit einem verdienten Sieger, dessen neue Stars in der zweiten Halbzeit die Tore schossen, für die sie gekauft worden waren. Alle waren friedlich, die Fans von Schalke und Lissabon nahmen in der Pause gemeinsam Bratwurst und das alkoholfreie Bier des Sponsors zu sich, und das Chaos nach Spielschluss hatte Struktur und löste sich bald auf.

Ob die familienpädagogische Maßnahme erfolgreich war, wird sich zeigen. Das Erregungspotential eines defekten Navis in dunkler Nacht im Großraum Gelsenkirchen war allerdings beträchtlich.

Mein linkes Über-Ich meldete sich und wollte mit mir darüber diskutieren, ob es politisch korrekt sei, einen Abend auf Schalke mit Schwager, Schwägerin, Neffen, Bratwurst, Bier, Gesängen und Toren zu genießen. Aber ich entzog mich der Diskussion und konzentrierte mich auf den Verkehr, als wir die A2 gegen Mitternacht endlich wiedergefunden hatten.

13:53 13.10.2010
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linksdawodaumen | Community
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hibou | Community