Flanieren

Nichts vom Tod Mit der Enkelin durch die Stadt
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Auf dem Weg durch den Grüngürtel passierten wir die Realschule, die nach einer Protagonistin der bürgerlichen Frauenbewegung um die Wende zum letzten Jahrhundert benannt ist, und betrachteten die blauen Figuren mit den dicken Brüsten und mächtigen Hintern von Niki de Saint-Phalle, die eine Sponsorin der Schule vor Jahren geschenkt hatte und nun die Besucher vor dem Eingang begrüßen. Die Enkelin (11) war amüsiert, tätschelte den Po einer Dame und meinte, so wolle sie im Alter nicht ausssehen. „Ist ja schrecklich!“ Ich erzählte ihr was von der Zerstörung der von Männern gemachten Ideale von Frauenschönheit und von der Lebenslust der Figuren. Aber sie schüttelte den Kopf.

Wir gingen quer über den Vorplatz des Polizeipräsidiums und freuten uns über die Steinbänke mit der Inschrift „A beobachtet B“, „B beobachtet C“ ... - und so weiter durch das ganze Alphabet. Sie stehen hier seit den 90er Jahren, als wir für wenige Jahre einen grünen Polizeipräsidenten hatte. Auf der Bank mit der Inschrift „K beobachtet L“ musste ich Platz nehmen und für ein Foto mit dem Handy ein konspiratives Gesicht machen.

Von der Alm hörten wir Fangesänge, waren aber nicht sicher, ob unsere Leute sangen oder die von Cottbus.

Unser Ziel war das Naturkundemuseum und seine aktuelle Ausstellung: „Erzähl mir was vom Tod - eine interaktive Ausstellung über das Davor und Danach“. Die Enkelin hatte im Religionsunterricht davon gehört und wollte sie unbedingt sehen. Ich hatte zögernd zugestimmt. Vor dem Eingang ein Zettel mit der Aufschrift: „Wegen eines Todesfalls ist das Museum bis zum 27. März geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis.“ Wir glaubten zunächst an einen schlechten Witz und rüttelten an der Tür. Aber es half nichts. Wir konnten nur die Vitrine im Schaufenster mit Fotos und Infos betrachten. Die Enkelin entdeckte auf der Liste der Unterstützer und Sponsoren den Namen des bekanntesten Beerdigungsunternehmens der Stadt (der Chef sitzt im Vorstand der Arminen) und die Krematorium Bielefeld Betriebs GmbH, Friedhofs-GmbH.

Wir lachten verlegen und gönnten uns beim besten Italiener der Stadt einen Eisbecher (Vanille, Zitrone, Schokolade) und einen doppelten Espresso. Während die Enkelin vom Stress mit ihrer Mutter erzählte, warf ich immer wieder mal einen Blick auf das Foto mit einer strahlenden Marilyn Monroe, mit dem der Juwelier auf der gegenüberliegenden Straßenseite für seine Rolex-Uhren warb. Sie war doch schöner als die reifen Frauen von Niki de Saint-Phalle.

Auf der Rückfahrt mit der Stadtbahn stiegen niedergeschlagene Arminen-Fans zu. 1:3 gegen Cottbus verloren. Keine Hoffnung mehr. Ich dachte an meinen Kumpel, den Luhmann-Schüler mit dem schwarz-weiß-blauen Schal, der in solchen Fällen immer gern seinen Meister zitierte: „Hohe Kontingenz von Ereignissen bedeutet, dass alles, was ist, auch anders sein könnte.“

Zuhause erwarteten uns Gattin und Tochter, die uns in die Stadt geschickt hatten, weil sie unter vier Augen was besprechen wollten: „Wie war’s?“ – „Ganz gut. Haben aber nichts vom Tod gesehen. Das müssen wir noch mal machen!“ Ich nickte.

00:31 24.03.2014
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