Frost, Frust und Bohnensuppe

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Am Nachmittag, während ich auf D. wartete, las ich im FREITAG den Leitartikel von Daniela Dahn über die Zukunft des Kapitalismus, in dem sie auch die Frage nach den individuellen und systemischen Ursachen seiner gegenwärtigen Krise anspricht. Die endzeitliche Stimmung des Kommentars erinnerte mich spontan an die Zukunft der Arminen: „Es geht ums Ganze – Prost Neujahr.“

Am frühen Abend saß ich mit D. auf der Haupttribüne der Alm. Heftige Schneewehen, Temperaturen deutlich unter null. Spielfeld und Zuschauerränge waren am Vormittag von Freiwilligen notdürftig geräumt worden, aber nur etwa 8000 Leute waren der Aufforderung der lokalen Medien gefolgt, in dieser bedrohlichsten Phase der mehr als hundertjährigen Vereinsgeschichte durch massenhaftes Erscheinen Solidarität mit dem Verein und der Region zu zeigen. D. war hier, weil seine Eltern ihm zum 11.Geburtstag eine Karte geschenkt hatten, und ich, sein Opa, begleitete ihn, weil sein Vater von einer Grippe erwischt worden war, ein bisschen auch wegen der Solidarität..

Wegen der chaotischen Straßenverhältnisse waren wir mit der Stadtbahn zum Stadion gefahren. An der Universität stiegen zwei Männer mittleren Alters mit schwarz-weiß-blauen Schals zu, die mir als Philosophen und Luhmann-Forscher bekannt waren. Ich fragte sie, ob sie mir erklären könnten, wie Luhmann den Fußball in seine Theorie der Gesellschaft einordne. Kurzes Zögern, dann sagte der eine, während mich der andere etwas spöttisch anschaute:

„Na ja, in aller Kürze: Fußball ist ein gutes Beispiel für das Phänomen der Emergenz, das Systeme auszeichnet. Eine Mannschaft ist die Bedingung dafür, dass Spezialisierung möglich ist, indem Spieler ihre individuellen Stärken als Verteidiger, als Sechser oder Stürmer entwickeln können. Jedoch funktioniert ein System nur dann optimal, wenn die Koordination seiner Teile gelingt. Eine neue Qualität, die über die Qualität seiner Teile hinausgeht, also Emergenz, entsteht dann, wenn eine Mannschaft aus hoch spezialisierten Einzelnen ein harmonisches Team wird.“

Diese Erklärung erschien mir doch etwas unterkomplex: Was ist mit den Beobachtern und den Beobachtern der Beobachter? Aber ich bedankte mich und war ziemlich sicher, dass dieses systemtheoretische Wissen inzwischen auch Trainer und Vorstand geläufig ist.

D. und ich froren auf der Haupttribüne, auf der außer uns nur wenige andere Platz genommen hatten. Das änderte sich für kurze Zeit, als wir uns darüber aufregten, dass die Arminen schon nach vier Minuten das erste Tor kassierten. Die gleiche ******* wie in den letzten Spielen. Kaum hatte das Spiel begonnen, schon mussten sie dem Ausgleich hinterher rennen, das Spiel machen – und das hatten Arminen auch in besseren Zeiten nie gekonnt. D. schimpfte zunächst lautstark, versank dann in Schweigen und folgte dann regungslos dem öden Hin und Her auf dem Spielfeld.

In der Pause Bratwurst. Wir hatten uns mit meinem alten Freund K.-D. am Stand mit der besten Wurst verabredet. Hier war heute wenig los. Wir redeten nur kurz über das Spiel, denn wir stimmten schnell darin überein, dass der Mannschaft sowohl individuelle Klasse als auch mannschaftliche Geschlossenheit fehle. Keine Chance, dem Abstieg zu entgehen. Verstärkungen müssten her. Aber woher sollte das Geld kommen? Dann kam D. grinsend zurück von den Toiletten und berichtete, dass dort wenigstens 20 Polizisten zur gleichen Zeit gepinkelt hätten.

In der zweiten Halbzeit eine angenehme Überraschung: die Arminen kämpften und kombinierten, sie schossen den Ausgleich und waren drauf und dran, das zweite Tor zu schießen. D. und ich feuerten die Mannschaft an und freuten uns schon auf einen triumphalen Abend zuhause am Kamin, als fünf Minuten vor Schluss Aachen das zweite und in der letzten Minute das dritte Tor schoss. Das war’s dann wohl – Prost Neujahr!

Auf der Rückfahrt saß uns in der Stadtbahn ein junger Mann in russischer Fliegermütze, kurzen Hosen und Stiefeln gegenüber. Wir wunderten uns, ließen uns aber nichts anmerken und taten ganz cool. An der Universität stieg er aus. Wir versuchten uns vorzustellen, wer er war und wohin er wollte. D. hatte den besten Vorschlag: „Er hat seine Wintersachen für einen Sieg von Arminia verwettet, jetzt fährt er zur Uni, übernachtet in einer warmen Bibliothek und kauft sich morgen früh auf dem türkischen Klottenmarkt auf den Parkplätzen neue Klamotten.“

Gegen 20:30 Uhr kamen wir zuhause an. Meine Frau hatte eine Bohnensuppe nach einem Rezept ihrer Oma gemacht und den Kamin angezündet. Es wurde noch ein langer, gemütlicher Abend, und bald dachte niemand von uns mehr an die schlechten Prognosen für die Arminia. Mit den Fragen Daniela Dahns:“Fehlt es uns an Mitmenschlichkeit? Oder sind wir Gefangene von Strukturen?“ würde ich mich morgen beschäftigen.

23:29 19.12.2010
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hibou | Community