Grauer Mann mit Zetteln und Hund

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Gestern vor 12 Jahren, am 6. November 1998, starb in einer kleinen Stadt am Teutoburger Wald ein Mann, der mit 30000 Zetteln, 53 Büchern und einigen hundert Aufsätzen seine Wissenschaft revolutionierte.

Die folgenden Fundstücke aus seinen Texten (X.Y.) und aus Beobachtungen von Zeitgenossen (Z) legen Spuren.

(1)„Über dessen Privatleben ist fast nichts bekannt. Niemals soll er ein Feierabendbier mit Kollegen genommen haben. Seine berühmte Ausrede: „Ich lese Hölderlin.“ K. beschreibt ihn als geradezu chinesisch-indirekt. Andere Wissenschaftler, die sich wichtig machen, nannte X.Y. voll Verachtung die „Bosse“. Einem Interviewer sagte er lapidar: „Meine Frau ist gestorben, mein bester Freund ist gestorben.“ Zweimal nur scheint er sich auf das Prinzip Freundschaft eingelassen zu haben.“ (Z)

(2)„wenn ich weiter nichts zu tun habe, dann schreibe ich den ganzen tag; morgens von 8:30 bis mittags, dann gehe ich kurz mit meinem hund spazieren, dann habe ich nachmittags noch einmal von 14:00 bis 16:00 zeit, dann ist wieder der hund an der reihe. manchmal lege ich mich auch eine viertelstunde hin, ich habe mir angewöhnt, mich ganz konzentriert auszuruhen, so dass ich nach kurzer zeit wieder arbeiten kann. ja, und dann schreibe ich in der regel abends noch bis gegen 23:00. (…)ich muss ihnen sagen, dass ich nichts erzwinge, ich tue immer nur das, was mir leichtfällt. ich schreibe nur dann, wenn ich weiss, wie es geht. wenn ich einen moment stocke, lege ich die sache beiseite und mache etwas anderes. “was machen sie dann?” na, andere bücher schreiben. ich arbeite immer gleichzeitig an mehreren verschiedenen texten. mit dieser methode, immer an mehreren texte zu schreiben, habe ich nie blockierungen“ (X.Y.)

(3)„Also was ich als Plan hatte, war eigentlich immer eine Gesellschaftstheorie, eine Theorie für die moderne Gesellschaft. Das war auch die Zeit, wo der Marxismus wieder aufkam, wo ich also nur den Kopf schütteln konnte über so viel altmodische Vorurteile, aber verstand, dass man das nicht ohne eine adäquate Gesellschaftstheorie wirklich erledigen konnte, das Problem, so dass eigentlich die Frage war: Wie kommt man zu einer Beschreibung der modernen Gesellschaft?“ (X.Y.)

(4)„Man tritt in ein Haus ein, dreht den Türschlüssel um, die Frau ist in der Küche. Man möchte jetzt natürlich erst einmal zum Schreibtisch gehen und sehen, was die Post gebracht hat. Aber wenn man das tut, weiß man genau, dass sie darin eine Vernachlässigung sieht. Also geht man in die Küche. Sie aber weiß, dass man deswegen in die Küche geht, weil sie andernfalls annehmen würde, sie würde vernachlässigt werden. Und das wiederum? Dasführt in die typische Familientherapie-Situation einer nicht ausgesprochenen Paradoxie: Ich tue das, was du willst mit dem Bewusstsein, dass du siehst, dass ich das deshalb tue.“ ( X.Y.)

(5)“Bei einem Versuch, mit einer Ladeninhaberin längere Verhandlungen über den Preis einer Tafel Schokolade zu führen, habe ich die Erfahrung gemacht, dass sie anstelle von Argumenten immer wieder auf das Preisschildchen verwies, auf dem der Preis deutlich sichtbar aufgeschrieben war.” (X.Y.)

(6)„Mich erschüttert X.Y.s Totale, immer wieder, und zwar weil ich finde, dass sie selbst so erschüttert ist. Bloß hat sich X.Y. angenehmerweise nie dafür interessiert, aus dem seinem Denken zugrunde liegenden existenziellen Beben eine Nummer zu machen, einen Auftritt.“ (Z)

(7)„Ich habe X.Y. einmal gefragt, warum er den Schwätzern in unserem Kurs nicht das Wort entziehe. Seine Antwort war bezeichnend: Er könne das tun, aber es interessiere ihn mehr, wie die Interaktion selbst reagiert: Wie reagiert sie, wenn einer unter den Anwesenden überhaupt keinen Sinn für Systemerfordernisse bewies?“ (Z)

(8)„Von Bielefeld bis Japan

denken viele gerne an

seine coole Theorie

der Gesellschaft, die

am Teutoburger Wald entstand

und dann, wie allen ist bekannt,

die Komplexität so reduzierte,

dass selbst Habermas resignierte

und mit ihm nur noch, das war fies,

die Kräfte maß im Tischtennis.

( Graffito am X.-Y.-Gymnasium in Oe. )

Wer isses?

15:19 07.11.2010
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lausemaedchen | Community