Halluzinationen unterm Vordach

Literaturkritik Über Nobelpreisträger und Verse des Dichters O. aus B.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

M. zitierte die beiden letzten Strophen aus einem neuen Gedicht von O., dem besten Lyriker der Stadt:

Eines Morgens zündete er sich einen gasflammenblauen
Himmel an und warf mit Flugzeugen um sich, dass die
Weltbilder und Werbeblocks nur so durcheinanderflogen.

Danach, so sagten alle, war nichts mehr wie vorher. Also
alles wie immer. Nur der Herbst hielt einen Moment lang
inne, dann flipperte er weiter mit Kastanien und Nüssen.

Wir standen auf dem Wochenmarkt unter dem Vordach eines türkisch-niederländischen Fischhändlers, der Regen trommelte und die Menschen um uns herum standen nach Backfisch an. Ich hatte M. eben erst kennengelernt. Er hatte sich als Mitglied meines Deutsch-Grundkurses an einem Gymnasium in einem südlichen Vorort der Stadt vorgestellt: Abitur 1984, da habe er ein Liebesgedicht von Hofmannsthal interpretieren müssen, sei Jurist geworden und schreibe jetzt in seiner Freizeit manchmal Gedichte.

Ich erinnerte mich nicht an ihn, sagte das aber nicht, sondern ging auf die Verse von O. ein: „Schönes Bild, der flippernde Herbst. Die fliegenden Weltbilder und Werbeblocks erinnern an den „halluzinatorischen Realismus“ des neuen Nobelpreisträgers, von dem heute in den Zeitungen zu lesen ist. Aus O. kann noch was werden.“

M. schnupfte. „Der Literaturnobelpreis“, sagte er dann, „wird im Allgemeinen überschätzt. Schauen Sie sich Böll und Grass an, die wir damals in der Schule lesen mussten. Was fanden Sie eigentlich an denen so gut?“

Ich räusperte mich und antwortete: „Ich finde sie immer noch gut. Waren in meiner Jugend Asphaltliteraten, vor denen unsere Lehrer uns warnten. Waren dann in den 70ern Beispiele für politisch engagierte Schriftsteller, Vorbilder für die Jugend in einem demokratischen Deutschland. Böll statt Bergengruen, Grass statt Goethe. In den 80ern kam Ihre Generation mit den Kaschmirpullovern und wollte, wenn überhaupt, wieder die Klassiker lesen, Rilke und Benn.“

Das Thema war mir unangenehm. Darum fragte ich: „Kannten Sie Mo Yan?“ - „Nein, aber wenn unser Außenminister ihn lobt, muss man skeptisch sein.“

Das fand ich auch, und wir plauderten unterm Vordach des Fischhändlers im Backfischdunst noch ein wenig über unser Leben seit 1984. Beim Abschied schenkte er mir zwei Karten für eine Lesung von O., und wir beteuerten, wie sehr wir uns freuten, uns nach so langer Zeit noch einmal begegnet zu sein.

15:11 12.10.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 4

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar