Helden der freien Welt

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Im Sommer 1962 machte ich mich mit meinem Freund Eckard ( wir waren in der Obersekunda ) auf den Weg nach Berlin. Wir wollten der Langeweile endloser Sommerferien in unserem ostwestfälischen Dorf ( Fußball, Camus lesen und die neuesten Hefte des „Landser“ und abends eins, zwei, drei Bier in der „Bergschänke“ bei Connie und Waltraud ) entfliehen, und die ehemalige Hauptstadt, die zum Schauplatz des Entscheidungskampfes von Demokratie und Bolschewismus geworden war, schien uns ein Ort zu sein, wo gerade Geschichte stattfand.

Die Eltern mussten überzeugt werden, was bald gelang, weil sie unsere antikommunistischen Ideale mit Wohlgefallen betrachteten, und die Sache war klar, als sich Tata, die Schwester meiner Mutter, deren Mann im Abwehrkampf gegen die Rote Armee in Masuren verloren gegangen war, bereit erklärte, das Taschengeld durch eine Sonderzahlung aufzubessern.

Wir fuhren mit dem Eilzug, bei der Kontrolle in Marienborn sahen wir zum ersten Mal Kommunisten, alle schienen sächsisch zu sprechen, fanden für eine Woche zwei Schlafplätze in der Jugendherberge in Dahlem und gingen noch am selben Abend dorthin, wo ein Jahr zuvor sich Panzer-West und Panzer-Ost gegenüber gestanden hatten. Checkpoint Charlie an der Friedrichstraße.

Dort hielten wir eine Woche aus. Beobachteten, was geschah, und warteten, dass etwas geschah. Wir warteten auf die Wiederholung der dramatischen Bilder aus dem Sommer 1961, die wir im Fernsehen mit Spannung verfolgt hatten, und waren etwas enttäuscht, dass nun geregelte Routine herrschte. Als wir nach einer Woche zurückfuhren, diesmal trampten wir, waren wir dennoch zufrieden. Wir hatten der freien Welt moralische Unterstützung gegeben, und dass wir in dieser Woche keine wirklichen Helden geworden waren, hatte nicht an uns gelegen. Jedenfalls konnten wir zuhause und in der Schule nach den Ferien viel erzählen.

Schön war auch, dass ich in Dahlem ein amerikanisches Mädchen auf Europa-Tour kennengelernt hatte, das mein Englisch verstand, mir den ersten Zungenkuss meines Lebens und ihre Anschrift in den Staaten gab. Anfang der 80er, als ich mit meiner Frau eine USA-Reise machte, suchte ich ihre Adresse in Billings, Montana, auf. Es konnte sich hier aber niemand an sie erinnern.

Heute, wenn wir nach Berlin fahren und es bei den Freunden nicht passt, übernachten wir in einem Hotel mit Blick auf Checkpoint Charlie.

22:12 24.09.2010
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