Hochzeitstag mit Niklas Luhmann

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ende des Monats haben wir unseren 40.Hochzeitstag. Heute Nachmittag machte uns unsere jüngste Tochter C., die gerade schwer verliebt ist, bei Kaffee und Kuchen darauf aufmerksam und verknüpfte ihre Feststellung mit der Frage: „Wie habt ihr es eigentlich so lange miteinander ausgehalten“?

Während ich in Gedanken die letzten vier Jahrzehnte überschlug und die Plausibilität möglicher Erklärungen ( Liebe, glückliche Umstände, Kinder, Mangel an Neugier, anderen Gelegenheiten und Entschlusskraft ) prüfte, goss meine Frau Kaffee nach und antwortete ganz cool: „Weil wir uns, ohne es zu wissen, an Luhmanns „Beobachtung zweiter Ordnung“ gehalten haben“.

Ich war perplex. Der Luhmann-Experte im Haus war eigentlich ich. Aber meine Frau fuhr fort: „Beziehungen funktionieren dann, wenn die Beteiligten akzeptieren, dass ihr Verhalten dem Grundsatz folgt, so zu handeln, wie man glaubt, dass der andere glaubt, wie man sei und handeln wolle. Luhmann nennt das eine Beobachtung zweiter Ordnung“.

C. fand diese Auskunft ziemlich deprimierend. „Heißt das, ihr wart nie ihr selbst und habt euch dem angepasst, von dem ihr glaubtet, dass der andere es von euch erwartete? So kann man doch nicht leben!“ „So kann man ziemlich gut leben“, sagte meine Frau, „wenn beide sich in dieser Weise verhalten. Dein Vater und ich, wir haben darauf verzichtet, unserer Beziehung immer wieder auf den Grund zu gehen, und haben uns auf alltagstaugliche Konventionen eingelassen. Das ist nicht glamourös, aber haltbar. Und du und deine Schwestern haben davon profitiert.“

Ich sah, dass C. enttäuscht und bereit war, ihrer Mutter energisch zu widersprechen. Der Realitätssinn meiner Frau kränkte mich, aber ich wollte an diesem schönen Herbstnachmittag keinen Konflikt und lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema.

Am Abend las ich bei Luhmann nach. Tatsächlich:

„Man will nicht wirklich wissen, was der andere über einen denkt. Aber es kommt natürlich darauf an, dass das im Alltag funktioniert. Das gilt in Bezug auf Alltags-Ehen zum Beispiel, die sich von diesem Problem der Beobachtung des Beobachtens entlastet haben und Regeln dafür haben müssen, wie man die Kinder erzieht, wann man Gäste einlädt, welches Fernsehprogramm gut ist, wann man ausgeht und was an Essen wirklich unerträglich wäre. Und in funktionierenden Ehen verdecken sie die Unmöglichkeit, wirklich zu wissen, was der andere ist oder was der andere denkt. Und was man selber will“!

( Aus: Wolfgang Hagen ( Hg. ), Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann? Letzte Gespräche mit Niklas Luhmann. Berlin o.J., S.55 )

Das sollte nun das Geheimnis unserer Ehe sein? Ich blieb skeptisch. Schon im Streit mit Habermas hatte ich nicht auf Luhmanns Seite gestanden. Wahrscheinlich hatte er auch diesmal Unrecht. Jedenfalls beschloss ich, noch vor dem Hochzeitstag ein klärendes Gespräch mit meiner Frau zu führen. Aber jetzt erst einmal zum "Tatort".

22:38 10.10.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 2