Im Nordwesten

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Eine Hamburger Zeitung meldete am 25.Juli 1933, dass das neue Konzentrationslager im Hümmling seinen Betrieb aufgenommen habe:

„Unweit des Küstenkanals oberhalb des Klosters Johannesburg liegt das neue Konzentrationslager, in dem20 Schutzpolizisten und 200 SS-Hilfspolizisten die Beaufsichtigung übernommen haben. Vor einigen Tagen ist bereits ein Teil der Belegschaft – 100 politische Gefangene – angekommen. Die Gefangenen wurden in zwei massiven, mit hohen Zäunen versehenen Baracken untergebracht. Dieses Lager im Hümmling wird eines der größten Lager in Deutschland werden. Es soll nach seiner Fertigstellung insgesamt 3000 bis 4000 Häftlinge aufnehmen.“

Seit November 2011 befindet sich auf dem Gelände des KZs, dessen Eröffnung die Zeitung anzeigte, eine Gedenkstätte ( www.gedenkstaette-esterwegen.de/ ), die die Geschichte der fünfzehn Emslandlager dokumentiert und an die etwa 240 000 Menschen erinnert, die zwischen der Eröffnung im Juni 1933 und der Befreiung durch amerikanische Truppen im April 1945 dort inhaftiert waren. Etwa 20 000 Menschen aus vielen europäischen Ländern, vor allem politische Häftlinge ( Kommunisten, Sozialdemokraten, Widerstandskämpfer aus den besetzten Ländern ) und Kriegsgefangene der Roten Armee, hatten die Zwangsarbeit in den Mooren, Folter, Seuchen und Hunger nicht überlebt.

Als wir in diesen Tagen die Gedenkstätte besuchten, schlossen wir uns einer Führung für eine Gruppe von Senioren aus Ostfriesland an, die mit der AWO einen Halbtagsausflug machte.

Nach einer Einführung in die Geschichte der Lager im Nordwesten erläuterte uns ein Mitarbeiter die Topographie des Lagers und das Konzept für die Gestaltung des Geländes ( bit.ly/LkUFdk ): „Wie macht man die Funktionsweise eines KZs anschaulich, von dem es nur noch wenige materielle Überreste gibt, und den Alltag der Opfer und Täter?“ Die Dauerausstellung, mit allen modernen Medien ausgestattet und nach den Prinzipien moderner Museumspädagogik gestaltet, versucht das Problem der Anonymität der Opferzahlen zum Beispiel mit Stelen zu lösen, die die Biographien von 200 Opfern skizzieren.

Nach der etwa zweistündigen Führung Kaffee und Kuchen in der Cafeteria.

Die Senioren der AWO begannen zu erzählen. Einer kannte den Text vom „Lied der Moorsoldaten“ (www.diz-emslandlager.de/moorlied.htm ), den er von seinem Vater gelernt hatte; eine Frau erzählte davon, wie die Erinnerung an die Lager in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg in der Region verdrängt worden sei, und ein anderer wusste vom Maczkow ( vorher und nachher Haren/Ems ) zu berichten, einer polnischen Stadt im Emsland von 1945 bis 1948, in der polnische Zwangsarbeiter und Soldaten der polnischen Exilarmee vorübergehend Zuflucht gefunden hatten ( mehr hier: bit.ly/Jyaf3Q ).

Wir waren schwer beeindruckt von den Senioren – sie wussten so viel und hatten offenbar ein Bedürfnis, darüber zu reden

Am frühen Abend dann auf dem Friedhof von Esterwegen. Im Abendlicht ein idyllischer Ort mit Birken und Rhododendren. Keine anderen Menschen. Hier sind die Gräber von 1315 Opfern. Als wir zu Beginn der 90er Jahre auf einer Radtour eher zufällig vorbei kamen, fanden wir hier den damals einzigen Gedenkstein in Esterwegen für den Häftling und Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky, aufgestellt von der Gewerkschaftsjugend. Auf dem Gelände des ehemaligen KZs befand sich damals ein Bundeswehrdepot, kein Zugang möglich.

Spät am Abend auf dem Weg nach Hause beschlossen wir, daran zu glauben, dass die deutsche Gesellschaft doch lernfähig sei. Waren aber nicht ganz sicher.

14:39 01.06.2012
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